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18. November 2009

Uni im Ausnahmezustand

5000 Studierende und Schüler gehen auf die Straße, das Audimax bleibt weiter besetzt.

Die größte WG Freiburgs – sie lebt derzeit im Audimax der Universität. Studierende haben den größten Hörsaal der Hochschule besetzt und nun bereits die zweite Nacht an der Uni verbracht. Das Rektorat toleriert die Besetzung – formulierte aber Bedingungen. Zudem gingen gestern bei einer friedlich verlaufenen Großdemo zum Bildungsstreik mehr als 5000 Studierende und Schüler auf die Straße. Sie forderten bessere Bedingungen an den Schulen und Universitäten und mehr Geld für Bildung.

Kommst du auch noch?
"Die Besetzung ist erst einmal unbefristet", sagt Jakob Lohmann vom Arbeitskreis Bildungsstreik. Am Montagabend richten sich knapp 800 Studierenden in ihrer Uni häuslich ein. Alles geht zackzack: Schon sind Sofaecke und Schlafsäcke da, Kaffeemaschinen laufen, manche Besetzer spielen Gitarre, andere Jonglieren. Auf vier Herdplatten kocht Gemüse und vor dem Stand mit Crepes hat sich eine lange Schlange gebildet. Überall stehen Bierflaschen rum. Im Waschbecken auf der Herrentoilette liegt eine Karotte. Vom Gemüseputzen. Es gibt auch Teller und Besteck. "Es ist echt cool. Kommst du auch noch?", fragt ein Mädchen heiser in ihr Handy.

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Drinnen im großen Saal wird vor allem diskutiert – in der ersten Nacht bis in den frühen Morgen hinein. Auch über das Motto "Freiburg brennt", das von anderen bestreikten Unis übernommen wurde: Wien brennt, Potsdam brennt, nun eben auch Freiburg. "Das Motto ist für Freiburg zynisch", findet eine Studentin mit Blick auf den Bombenangriff auf die Stadt am 27. November 1944. Andere im Plenum teilen das Unbehagen. Dann noch die Durchsage: "Bitte drinnen nicht rauchen, es sei denn, ihr wollt von der Feuerwehr rausgeholt werden". Hungern muss niemand – PH-Studierende bekochen spontan die Besetzer, die Fachschaft Chemie hat Glühwein aufgesetzt.

Griff zum Wischmob
Die Augen sind verquollen, die Haare wirr – die erste Nacht im Audimax sieht man den meisten Studenten an. Mehr als 150 sind geblieben und haben es sich, so gut es geht, im Hörsaal gemütlich gemacht. So auch Leon Reichard aus der Fachschaft Soziologie. Doch Schlaf hat er in dieser Nacht kaum gefunden. "Die Klappsitze sind schon sehr unbequem" klagt er. So sei es den meisten gegangen, viele hätten nicht länger als vier Stunden geschlafen. Doch Reichard will bleiben: "Es ist saugeil hier! Spaß wird mit sinnvollen Inhalten verbunden." Staunen und Lob gibt es nach der ersten Besetzungsnacht übrigens von den Hausmeistern: "Die Studierenden haben das Audimax sogar nass aufgewischt".

Nichts kaputt machen!
Vizerektor Heiner Schanz und Kanzler Matthias Schenek (den manche Studierende für einen Zivilpolizisten hielten) kommen schon am Montagabend in die Uni: "Wir lassen den Studierenden den Freiraum für ihren Protest, aber nur unter Bedingungen", sagt Schanz. Die wichtigsten Vorgaben lauten: Keine Sachbeschädigung, kein Zutritt für nicht Uni-Angehörige außerhalb der Öffnungszeiten, keine Störungen des Lehrbetriebs. Und es wird vereinbart, dass die Begrüßung am "Tag der offenen Tür" am Dienstagmorgen im besetzten Audimax über die Bühne geht. Später kommt es dann aber doch zu einer kleinen Konfrontation: Vizerektor Schanz ersucht die Studenten, das Audimax zu räumen und stattdessen Hörsaal 2004 zu besetzen. Denn am Mittwoch soll im Audimax eine Juraklausur für 350 Studierende stattfinden. Doch das Plenum der Studenten stimmt gegen den Umzug. Die Unileitung reagiert ein wenig verstimmt, will aber an ihrer toleranten Haltung festhalten. Die Prüflinge müssen in anderen Sälen zur Klausur antreten.
Heute läuft’s anders
12 000 Schüler aus der Region werden am Dienstag und am heutigen Mittwoch erwartet, um sich über die Uni und das Studieren zu informieren. Sie finden eine Uni im Ausnahmezustand vor: Um kurz vor neun treffen im besetzten Audimax die ersten Schüler auf protestierende Studenten. Einige schauen verwirrt, andere belustigt auf nackte, schmutzige Füße, Zahnbürsten auf den Tischen und Schlafsäcken in der Ecke. Studentin Hannah Wallenfels erklärt Schülern: "Tag der offenen Tür läuft heute anders ab".

5000 gehen auf die Straße

Viele Schülerinnen und Schüler sind mit dabei, als es zur Bildungsstreik-Demo auf die Straße geht. Vor dem KG II reißen Nikolas Klauser vom Schülerrat und Günter Rausch, Professor an der Evangelischen Hochschule, mit ihren Reden die Masse mit. "Freiburg ist ein überteuertes Pflaster – ihr müsst wahnsinnig sein, dass ihr hier studiert", schimpft Rausch und fordert, dass sich die Kommunalpolitik für billigere Mieten einsetzt. Dann setzt sich der lange Zug in Bewegung– die Polizei bleibt im Hintergrund. "So geht’s doch auch", sagt Pressesprecher Karl-Heinz Schmid mit Blick auf die friedliche Demo. 5000 Menschen ziehen zum Rektorat am Fahnenbergplatz, zum Bertoldsbrunnen und zurück zur Uni. Zurück zu Schlafsack und Isomatte .

Aktuelle Berichte, Fotoalben und Videos über den Bildungsstreik auf http://www.badische-zeitung.de

Autor: one, frß, rö, sill