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02. November 2017 11:51 Uhr

Prozess

Verhandlung am Landgericht: Versuchter Mord an der Ampel

Unter Sicherheitsvorkehrungen hat in Freiburg der Prozess begonnen. Der Angeklagte soll auf den Beifahrer seiner Frau eingestochen haben – der überlebte nur dank Notoperation.

  1. Justitia soll Recht sprechen. Foto: Arne Dedert

Am Montag begann unter Sicherheitsvorkehrungen vor dem Landgericht der Prozess gegen einen 50-jährigen Kurden. Er sitzt seit dem 31. Mai 2017 in Untersuchungshaft. Er soll an diesem Tag am Auto seiner Frau durch das geöffnete Beifahrerfenster mehrfach auf deren Beifahrer eingestochen haben, um ihn zu töten. Der Beifahrer überlebte die Attacke dank einer Notoperation.

Die Tat, die die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord angeklagt hat, ereignete sich gegen 16.20 Uhr an der Kreuzung Rotteckring und Friedrichstraße am Fahnenbergplatz. Einen Messerstich hat der Angeklagte, der zum Prozessauftakt schweigt, gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen eingeräumt.

"Bei uns wirken sich Geständnisse strafmildernd aus. Aber nur so lange, wie es noch etwas zu gestehen gibt." Richterin Eva Kleine-Cosack
Als er das Auto seiner Frau bei Rot habe halten sehen, sei er vom Bürgersteig im rechten Winkel zu der Beifahrertür gelaufen. Der ihm unbekannte Mann auf dem Sitz habe ihn einen "Hurensohn" genannt, worauf er sein Springmesser aus der Hosentasche geholt, es geöffnet und ein Mal, so weit er sich erinnere, auf den Mann eingestochen habe. Nein, er habe den Fremden nicht töten wollen, er habe spontan wegen der vorausgegangenen Beleidigung so gehandelt.

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Diese Angaben gegenüber dem psychiatrischen Gutachter lassen die Vorsitzende Richterin Eva Kleine-Cosack das Wort ergreifen. Sie wendet sich direkt an den Angeklagten: "Bei uns wirken sich Geständnisse strafmildernd aus. Aber nur so lange, wie es noch etwas zu gestehen gibt." Sie gibt dem 50-Jährigen zu bedenken, dass eine Reihe von Zeugen am Fahnenbergplatz bei der Polizei ausgesagt hatten, dass er von hinten und mit bereits geöffnetem Springmesser zur Beifahrertür gegangen sei. Da habe es keinen Wortwechsel gegeben.

Der Gewaltausbruch hat eine lange Vorgeschichte

Die Messerstiche haben eine längere familiäre Vorgeschichte. Dem 50-Jährigen werden weitere Körperverletzungen gegenüber seiner Frau vorgeworfen, seit sie ihm im Juli 2016 eröffnet hatte, dass sie sich von ihm trennen wolle. Heute ist das Paar offiziell geschieden. Allein aus dem Mai 2017 hat die Staatsanwaltschaft fünf Körperverletzungen und zwei Bedrohungen durch den Angeklagten zu Lasten seiner damaligen Frau angeklagt. Während der Begutachtung durch den Psychiater hat der 50-Jährige alle Vorwürfe bestritten. Weder habe er seine Frau mit einer Schnur gedrosselt noch sie geschlagen. Ihn, der des Lesens und Rechnens kaum kundig ist, beeindrucken Tatsachen wenig. So hatte die rechtsmedizinische Untersuchung seiner Frau damals ergeben, dass Stauungsblutungen in ihren Augen zu sehen waren – Folgen einer massiven Drosselung des Halses.

Der Angeklagte bezeichnete seine ehemalige Frau gegenüber dem Psychiater als Lügnerin und als hinterhältig. So habe er 2017 bei einem Notar ein Schriftstück unterzeichnen müssen, dass sich später für ihn als Antrag auf die Scheidung herausgestellt habe. Beim Notar sei ihm übersetzt worden, dass es sich um eine Vollmacht für einen Neffen in der Türkei gehandelt habe.

Die Ehefrau wurde jahrelang misshandelt

Obwohl der Angeklagte von 1985 bis zu seiner Abschiebung 1992 in Deutschland war und seit 1994 erneut hier lebt, scheint er nur wenig Deutsch zu können. Ein Dolmetscher ist erforderlich. Seine Frau leitet ein Geschäft in Freiburg, er selbst half dort nur aus. Er hat keinen Beruf. Seit sechs Jahren, so sagt er, sei er arbeitslos. Mit seiner Frau hat er fünf Kinder.

Unter Polizeischutz sagt am späten Nachmittag seine ehemalige Frau aus. Sie berichtet, dass er ihrem Vater 2000 Euro bezahlt habe und sie ihn deshalb in der Türkei 1992 heiraten musste. Damals sei sie 16 gewesen. Aus kulturellen Gründen habe sie an der Ehe festgehalten. Aber auch deshalb, weil er sie immer bedroht habe und sie deshalb immer Angst gehabt habe. Er habe sie oft geschlagen. Wenn er behaupte, dass sie ihn mit einem Messer gestochen habe, dann sei das gelogen. Vor zwei Jahren hätten sie begonnen, über die Scheidung zu sprechen. Er drohte ihr, dass er sie dann umbringen werde. Die Zeugin befindet sich derzeit in einem Zeugenschutzprogramm.

Das Gericht hat für den Prozess fünf Tage vorgesehen. Ein Urteil wird für den 17. November erwartet.

Autor: Peter Sliwka