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05. Juli 2017

"Verstehen, was Bürger bewegt"

DREI FRAGEN AN Wanja Kunstleben und Peter Behrendt, die das bisherige Konzept von Wahlveranstaltungen auf den Kopf stellen.

  1. Wanja Kunstleben und Peter Behrendt (von links) wollen neu über Demokratie nachdenken Foto: Rita Eggstein

Im Wahlkampf reden vor allem – Politiker. Genau das will man bei der Wahlveranstaltung "Werte wählen!", die am 14. Juli im Schlossbergsaal des SWR-Studios Freiburg stattfindet, vermeiden. Dort sollen Bürger zu Wort kommen und Politiker zuhören. Dazu lädt der im vergangenen Herbst gegründete Verein "All We Do" ein. BZ-Redakteurin Stephanie Streif sprach mit den beiden Vorständen Wanja Kunstleben und Peter Behrendt.

BZ: Bei Ihrer Veranstaltung sollen Bürger reden und Politiker zuhören. Warum?
Kunstleben: Der Wertekonsens unserer Gesellschaft droht verloren zu gehen. Und wir glauben, dass man wieder anders miteinander reden muss. Darum diese etwas andere Wahlveranstaltung: Wir wollen nicht, dass die Politiker wie gewohnt ihr Wahlprogramm abspulen, sondern dass sie zu aktiven Zuhörern werden.
Behrendt: Dass die Politikverdrossenheit hierzulande so groß ist, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, wie sich Politik vor Wahlen inszeniert. Diese Wahlkampfspektakel, bei denen Versprechungen heruntergeleiert werden, an die sich später dann sowieso niemand mehr erinnern kann. Jeder weiß, dass die Politiker nach der Wahl ohnehin wieder neue Kompromisse schließen müssen. Ein essenzieller Teil von Demokratie ist aber auch, dass Politiker verstehen, was Bürger bewegt. Interessant auch die Reaktion von unseren geladenen Politikern: Einige haben sich gefreut, dass sie nicht schon wieder mit den gleichen Leuten auf dem Podium sitzen und das Gleiche diskutieren müssen.

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BZ: Welche Rolle kommt den Bürgern bei Ihrer Wahlveranstaltung zu?
Behrendt: Die teilnehmenden Bürger werden nach der World-Café-Methode auf kleine Tische verteilt und sprechen dort über die Herausforderungen unserer Gesellschaft, aber auch über konkrete Ideen, Probleme anzugehen. An jedem Tisch sitzen neun Personen, sieben Bürger, ein Politiker sowie ein Moderator. Jeder Bürger kann zwei Themen wählen, zu denen er sich einbringen möchte, wie Klimawandel oder Populismus. Jedem Thema wird ein bestimmter Wert zugeordnet. Bei Populismus ist das zum Beispiel Aufrichtigkeit. An diesem Tisch sollen Bürger Erfahrungen austauschen, wie Gesellschaft und Politik dem Populismus mit Aufrichtigkeit begegnen können. Aus ganz konkretem Erleben der Bürger sollen Anliegen an die Politik formuliert werden. Pro Tisch und Thema hat jeder Bürger jeweils fünf Minuten Zeit, seine Gedanken, Ideen und Wünsche vorzutragen.
Kunstleben: Dafür bedarf es mehr, als sich einfach nur zu beschweren. Unser Wahlveranstaltungsformat braucht Bürger, die ihre Verantwortung wahrnehmen wollen. Die mitgestalten wollen. Und unser Versprechen an die Bürger ist, dass sie auch gehört werden. Die Teilnehmer werden ausgelost, allerdings achten wir bei der Vergabe darauf, dass die eine Hälfte Männer, die andere Hälfte Frauen sind.

BZ:
Organisiert wird die Veranstaltung von "All We Do", einem Verein, dem es um Wertedemokratie geht. Was genau meint dieser Begriff?
Behrendt: Ich behaupte, dass sich in den vergangenen zwanzig Jahren eine pragmatistische Demokratie herausgebildet hat. Häufig wird nur noch nach der pragmatischsten Lösung gesucht. Und das ist häufig die, die wirtschaftliche Interessen bedient. Diese Alternativlosigkeit führt zu einer Politikverdrossenheit, ist ja schließlich egal, welche Partei ich wähle. Die Krise der Demokratie wollen wir nutzen, um neu über die eigentlichen Kernwerte von Demokratie nachzudenken.
Kunstleben: Sich an Werten zu orientieren, meint jetzt nicht, alte Ideologien wiederzubeleben. Aber wir sollten uns wieder fragen, was wollen wir eigentlich und zwar als Gesamtgesellschaft und nicht als einzelne Gruppe, als die Linke etwa oder als die Rechte.

Wanja Kunstleben, 41, ist Psychotherapeut und Peter Behrendt, 40, leitet das Freiburginstitut. Beide leben mit ihren Familien in Vauban.

Jeder Bürger kann sich um die Teilnahme an der Wahlveranstaltung bewerben – und das im Netz unter http://www.allwedo.eu Die Anmeldefrist endet am Samstag, 8. Juli. Unter allen Anmeldungen werden 80 Teilnehmer ausgelost.

Autor: st