"Viele schmeißen Essen aus Bequemlichkeit weg"

Julia Dreier

Von Julia Dreier

Do, 14. Januar 2016

Freiburg

FUDDER-INTERVIEW mit Anette Keuchel, die in Berlin das erste deutsche Restaurant eröffnen will, das nur mit Essensresten kocht.

Essensreste landen hier auf dem Teller, und nicht im Müll: Bald soll das Restaurant "Restlos glücklich" in Berlin öffnen – Deutschlands erstes Lokal, in dem nur mit aussortierten Lebensmitteln gekocht wird. Julia Dreier hat mit der Freiburger Mitinitiatorin Anette Keuchel über das Projekt gesprochen.

Fudder: Warum braucht es ein Restaurant, dass Gerichte aus Resten anbietet?
Keuchel: Wir wollen die Wertschätzung für Lebensmittel steigern. Die ist den Menschen abhanden gekommen. Viele denken: Igitt, Essensreste, wie ekelig ist das denn. Aber wenn unsere Gäste erfahren, was man aus aussortierten Lebensmitteln noch alles Tolles kochen kann, sind die meisten begeistert.
Fudder: Wer steckt hinter dem Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung?
Keuchel: Im Kern sind wir sieben Leute. Außerdem haben wir 20 ehrenamtliche Helfer. Uns gibt es seit vergangenem Jahr. Im Sommer haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und 27000 Euro gesammelt. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Mittlerweile sind wir ein eingetragener Verein. Momentan sind wir noch als Caterer unterwegs. Sobald wir passende Räume finden, wollen wir das Restaurant eröffnen.
Fudder: Was steht auf der Speisekarte?
Keuchel: Unser Koch freut sich auf die kreative Herausforderung. Denn was auf der Karte steht, hängt davon ab, welche Lebensmittel wir bekommen. Aus altem Brot, das massenweise anfällt, gibt es zum Beispiel toskanischen Brotsalat und Brotchips.
Fudder: Woher kommen die Reste – aus der Tonne?
Keuchel: Nein, das hat nichts mit Müll zu tun. Wir haben Lebensmittelpartner, wie Bauern, die uns Sachen anbieten, die sie nicht mehr verkaufen können, obwohl die Ware meist einwandfrei ist. Wie kürzlich bei 15 Paletten Avocados vom Bio-Markt. Die werden schnell schlecht und waren genau in dem Moment brauchbar. Also haben wir Unmengen an Guacamole gemacht. Zum Glück kam da gerade ein Großauftrag zum Catering rein.
Fudder: Sie haben also keine Angst vor schrumpeligen Karotten.
Keuchel: Nein, im Gegenteil. Lebensmittel, die nicht perfekt sind, landen in Deutschland oft im Müll. Viele schmeißen sie einfach aus Bequemlichkeit weg: Weil es einfacher ist, in den Supermarkt zu gehen und etwas Neues zu kaufen, als sich aus Resten ein Gericht zu überlegen. Doch vieles landet auch aus Verunsicherung im Müll – wenn zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Fudder: Darauf soll man nicht vertrauen?
Keuchel: Die Leute sollten lieber wieder mehr auf ihre Sinne vertrauen! Den Joghurt öffnen und daran riechen. Sachen probieren und nicht einfach wegwerfen.
Fudder: Ihr Projekt startet in Berlin. Wo sonst käme das Restaurant noch gut an?
Keuchel: In Freiburg hätte die Idee sicher Chancen. Die Idee zu dem Restaurant habe ich ursprünglich aus einem Zeitungsartikel über das Kopenhagener Reste-Restaurant "Rub og Stub", das heißt "restlos alles". Wir haben uns das angeschaut und fanden es toll.

Anette Keuchel (38) ist in Freiburg geboren und lebt seit vier Jahren in Berlin, wo sie bei einer Europäischen Institution arbeitet.

Mehr Informationen unter http://www.restlos-gluecklich.berlin