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03. Dezember 2009

Vielfalt an der Hochschule

Jugendliche mit Migrationshintergrund studieren selten – ein Projekt der EH setzte auf Austausch

  1. Studierende aus Freiburg und Ankara machen Migrantenjugendlichen Lust aufs Studium. Foto: thomas kunz

Es geht um Jugendliche wie Erdem Aydin (18) und Engin Heybet (17): Sie sind Schüler – und Engin will studieren, wenn er Realschule und Berufskolleg hinter sich hat. Doch obwohl es immer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt, tauchen nur wenige an Unis und Fachhochschulen auf. Was tun? Das Projekt "Vielfalt inszenieren, Vielfalt an der Hochschule" brachte mit Unterstützung vom Deutschen Akademischen Austauschdienst Studierende der Evangelischen Hochschule (EH), der Hacettepe-Universität Ankara und Jugendliche wie Erdem und Engin zusammen.

Anfangs waren Erdem und Engin skeptisch. Wie die anderen der insgesamt zehn Jugendlichen vom Kinder- und Jugendzentrum Weingarten, die im Frühling eine Woche mit nach Ankara flogen, hatten sie früher nie viel mit Studierenden zu tun. Dann aber waren sie schnell überrascht, erzählt Erdem: "Die sind gar nicht eingebildet. Die sind alle nett." Und auch das, was sie studieren, hat ihn überzeugt – Sozialarbeit. Zwischendrin hatte er vor, die Fachhochschulreife zu machen, um selbst Sozialarbeiter zu werden. Mittlerweile hat er wieder umgeschwenkt, er plant eine Ausbildung zum Hotelfachmann.

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Auch Seckin Bilici (24) und Pinar Zubaroglu (22) aus Ankara waren überrascht, als sie Ende November in einer 14-köpfigen Gruppe zum zweiten Teil des Austauschprojekts nach Freiburg kamen: Sie studieren in Ankara Sozialarbeit und staunten, weil es in Deutschland kaum Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund gibt, obwohl mehr oder weniger alle Sozialarbeiter irgendwie mit Migranten zu tun haben. "Das hat mich enttäuscht", sagt Pinar Zubaroglu, "wer selbst Migrant ist, kann die anderen doch besser unterstützen."

Das sehen ihre deutschen Kollegen genauso: "Wir brauchen Migranten in der Sozialarbeit", sagt Karin Seebacher, Leiterin des Kinder- und Jugendzentrums Weingarten – längst nicht "nur" zum Übersetzen, sondern weil sie einen besseren Zugang zu Migrantenfamilien haben. Bisher gibt’s kaum Studierende mit ausländischem Pass an der EH: Es sind nur 18 von derzeit 714 Studierenden, bilanziert Projektleiterin Beate Steinhilber. Wie viele mit deutschem Pass und Migrationshintergrund studieren, ist unbekannt.

Umso interessanter fanden es Lisa Keller (22), Johannes Reichert (25) und zehn andere Sozialarbeit-Studierende an der EH, sich mit türkischen Kollegen auszutauschen – und mit den Jugendlichen vom Kinder- und Jugendzentrum Weingarten, denen gegenüber es vor dem Projekt durchaus Vorurteile gab, sagt Lisa Keller: "Wir hatten befürchtet, dass die Jugendlichen vielleicht kein Interesse haben und wir wie Lehrer vor ihnen stehen würden." Es kam ganz anders, es entstanden Freundschaften. Und auch wenn Erdem und Engin keine Sozialarbeit-Karriere planen, ist zumindest für Engin jetzt klar, dass er studieren will – Bauingenieurswesen. Als nun die Gäste aus der Türkei da waren, war er zum ersten Mal in einem Hörsaal, dem größten an der EH. Er hat dort schon mal geübt und hielt eine Präsentation über das Projekt auf Englisch. Die Begegnungen der türkischen und Freiburger Studierenden und Jugendlichen bekommen noch eine größere Öffentlichkeit: Studierende der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film haben das Projekt begleitet, im Februar wird der Film im "Harmonie"-Kino gezeigt.

Autor: Anja Bochtler