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20. Juli 2010

Von der Herausforderung zur Berufung

LEUTE IN DER STADT: Rabbinerin Elisa Klapheck bei der liberalen Jüdischen Gemeinde Gescher.

  1. Rabbinerin Elisa Klapheck in Freiburg Foto: rita Eggstein

Journalisten fragen sie immer dasselbe. Wie ist aus Elisa Klapheck vor sechs Jahren eine Rabbinerin geworden, eine von nur zweien in Deutschland? Was zog eine wie sie ausgerechnet zu einer Religion, die als sehr traditionell gilt? Elisa Klapheck, 1962 in Düsseldorf geboren, ist Feministin, hat Politik und Judaistik studiert und lange als Journalistin gearbeitet, unter anderem für den Berliner Tagesspiegel, die taz und das Fernsehen. Am Wochenende besuchte sie die liberale Jüdische Gemeinde Gescher in Freiburg.

Es gibt keine schnelle, einfache Antwort auf die immer gleichen Fragen. Elisa Klapheck hat darüber ein ganzes Buch geschrieben: "So bin ich Rabbinerin geworden." Sie arbeitet in Frankfurt, außer ihr gibt es bundesweit nur eine andere Rabbinerin, die wie sie innerhalb einer großen jüdischen Einheitsgemeinde für einen Flügel zuständig ist – in Berlin. Dazu kommen zwei weitere Rabbinerinnen, die nicht dauerhaft in Deutschland leben. Natürlich sind Frauen in dieser Position für orthodoxe Juden noch immer befremdend. Aber immerhin, betont Elisa Klapheck, ist es zumindest möglich, Rabbinerin zu werden: In der katholischen Kirche hätte sie ähnliche Chancen nicht.

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Der Skepsis der Orthodoxen begegnet Elisa Klapheck selten direkt, denn sie hat kaum mit ihnen zu tun. Sie macht ihr Ding und steht ganz klar für das, was sie die "Erneuerung des Judentums" nennt. In der 7000 Mitglieder großen Einheitsgemeinde in Frankfurt sind es rund 100 bis 200 Menschen, die sich dem liberalen Flügel zuordnen. Auch in Freiburg hat Elisa Klapheck bisher nur Kontakte zur liberalen Jüdischen Gemeinde Gescher (http://www.gescher-freiburg.de in der sich zurzeit rund 30 Menschen regelmäßig treffen, und nicht zu den rund 750 Orthodoxen in der Jüdischen Gemeinde.

Statt sich an Barrieren abzuarbeiten, hat Elisa Klapheck früh begonnen, einfach ihren eigenen Weg dagegenzusetzen: Zum Beispiel, als sie im Mai 1999 mit Freundinnen europäische Rabbinerinnen und Kantorinnen zum ersten Mal in Europa zu einer jüdisch-feministischen Tagung nach Berlin einlud. Sie nannten sie "Bet Debora", das "Haus der Debora", nach der biblischen Frauenfigur, die Prophetin, Richterin und Politikerin war. Später schrieb sie ein Buch über Regina Jonas, die im Jahr 1935 die erste Rabbinerin weltweit wurde. Und sie selbst? Was zog sie zu ihrer Religion? Als Jugendliche war ihr Weg nicht abzusehen, da war sie Atheistin und wollte aus der Jüdischen Gemeinde austreten, zu der sie durch ihre jüdische Mutter und den zum Judentum übergetretenen Vater gehörte. Es war ihr Vater, der sie vom Austritt abhielt. Er sagte, dass ihr Großvater in Auschwitz ermordet wurde, weil er Jude war. Deshalb könne sie nicht einfach aussteigen aus dem Judentum. Also blieb sie.

Und dann? Ohne große Hintergedanken, einfach "aus Spaß" hat Elisa Klapheck mit 19 Jahren mit Freundinnen begonnen, die Thora zu lesen. So ging es weiter, nicht eindeutig und klar, ganz und gar nicht gezielt, aber dennoch sehr eindrücklich. Irgendwann fühlte sich Elisa Klapheck nicht mehr als Journalistin, die immer nur über Dinge schreiben, an ihnen aber nie dran bleiben, sie nie selbst leben konnte. "Das wurde mir immer unerträglicher", sagt sie. Irgendwann war die Herausforderung, die sie spürte, eine ganz andere, eine Berufung: Zu einem "positiven Judentum" beizutragen, wie sie es nennt. Einem Judentum, das aus der Last der Schoah heraustritt und die Tradition mit ihren religiösen Regeln als wertvolle Hilfe begreift, sie aber nicht absolut setzt, sondern jedem die Verantwortung über die Einhaltung überlässt.

Autor: Anja Bochtler