Erinnerungen

Vor fünf Jahren: Papst Benedikt XVI. besucht Freiburg

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Sa, 24. September 2016 um 13:35 Uhr

Freiburg

Fünf Jahre sind vergangen, seit Papst Benedikt XVI. in Freiburg zu Gast war. 30 Millionen Euro hat sein Besuch gekostet. Was blieb? Die BZ hat Erinnerungen und Anekdoten gesammelt.

Rosenkranz
"So einen Tag vergisst man nicht", sagt Doris Lilienweiß, der gemeinsam mit ihrem Mann eine besondere Ehre zuteilwurde: Sie waren zwei von zwölf Menschen, die von Benedikt die Heilige Kommunion empfangen durften. Wolfgang Benz-Lilienweiß war damals Pfarrgemeinderatsvorsitzender. Als das Ordinariat anfragte, hat er zwar um kurze Bedenkzeit gebeten, wenig später aber zugesagt. Als "beeindruckende Persönlichkeit mit echter Bescheidenheit" beschreibt der 72-Jährige den Papst. Das Ehepaar wohnt im Collegium Borromaeum – dort nächtigte damals der Papst. Neben Fotos ist den beiden ein weiteres Andenken geblieben: ein weißer Rosenkranz, den Benedikt ihnen schenkte.

Papstholz
Die Papstbänke haben es in Freiburg zu einiger Berühmtheit gebracht. Fast 5000 von ihnen hat die Erzdiözese anfertigen lassen und danach verkauft, unter anderem an die Stadt. Ein paar ersteigerte auch der Freiburger Schreiner Philipp Egenter – und machte Stühle draus: "Pope Chairs" nennt er sie, rund 20 der klobigen Ein- und Zweisitzer fertigte er an. Sie stehen in seiner "Raumobjekt"-Werkstatt, in Autohäusern oder auch auf der Terrasse im Café Hermann. Ein Blickfang sollen sie sein, sagt Egenter, der sich ursprünglich auf die Fertigung der Bänke beworben, den Zuschlag aber nicht bekommen hatte. "Trotzdem wollten wir ein Teil des Papstbesuchs werden."

Baby Benedikt
"Hier, ein Baby!", riefen die Menschen damals und hielten die Kleinen Richtung Papamobil, damit der Papst sie segnen möge. Die Strahlkraft des Pontifex entfaltete sich aber erst im zweiten Jahr nach seinem Besuch. Für 2013 meldet das Standesamt zehn Neugeborene mit dem Namen Benedikt. 2009 und 2010 waren es je drei und 2012 vier. Im Jahr des Papstbesuchs waren es immerhin neun. Ob die Buben erst nach dem 24. September zur Welt kamen, teilt das Standesamt nicht mit. Spitzenreiter ist vergangenes Jahr: Zwölf Benedikts wurden geboren, da hatte Benedikt XVI. sein Amt längst niedergelegt.

Papstgerechtes Örtchen
Bevor die Show damals losging, legten der Papst und sein Gefolge einen Zwischenstopp im Amtsgericht am Holzmarkt ein. Deshalb wurde die Durchfahrt neben der Straßenbahnhaltestelle in einem "freundlich-hellgelben Farbton" gestrichen, wie Lars Petersen, Pressesprecher am Amtsgericht, mitteilt. Wenn auch nicht mehr ganz so frisch, gibt’s das Gelb bis heute.

Frisch machen musste sich offenbar auch Benedikt. Dafür wurde eine Toilette im Erdgeschoss "papstgerecht aufbereitet" und bekam eine neue Klobrille, so Petersen. Die dürfte auch heute noch im Einsatz sein, wenngleich entsprechende Statistiken nicht geführt würden und der Pressesprecher selbst "wenig Erhellendes zur durchschnittlichen Nutzungsdauer von Toilettenbrillen" beitragen kann. Ob überhaupt eine päpstliche Nutzung stattgefunden hat, entziehe sich seiner Kenntnis. Vom Papstbesuch zeugen außerdem noch Klebereste an vielen Türen des Amtsgerichts, da diese aus Sicherheitsgründen versiegelt wurden.

30 Millionen für 30 Stunden
Hinterlassen hat der Besuch des Oberhaupts der Katholischen Kirche auch ein Finanzloch. Im Jahr nach dem Papstbesuch gab das Erzbistum Kosten in Höhe von 23,3 Millionen Euro bekannt – mehr als doppelt so viel wie geplant. Als Hauptgrund nannte das Erzbistum die hohen Sicherheitsauflagen, wie sie nach dem Love-Parade-Unglück von Duisburg angeordnet waren. Der größte Batzen entfiel jedoch mit 10,9 Millionen Euro auf Erdarbeiten, die Altarinsel und Bühnen auf dem Flugplatzareal sowie auf Infrastruktur und die Technik. Doch der Tübinger Theologe Hans Küng hat nun auch noch mal nachgerechnet – und kommt auf 28 Millionen Euro. Zu den Sicherheitskosten in Höhe von 4,1 Millionen Euro komme der Aufwand für Malteser, Feuerwehr, Fahrtkosten, Unterbringung ehrenamtlicher Helfer, für das Verkehrssystem, das Pressezentrum, Bewirtung, Liturgie und Planung hinzu. Das Großereignis schlug mit 440 000 Euro auch in der Stadtkasse zu Buche, das Land beziffert seine Ausgaben auf 3,2 Millionen Euro. Hat Küng richtig gerechnet, hat der knapp 30-stündige Besuch des Pontifex mehr als 30 Millionen Euro gekostet.

"Ich war die Altarinsel"
Für die Plane vom päpstlichen Altardach fand sich auch noch eine Verwendung: 2400 Taschen hat die Erzdiözese daraus herstellen lassen. Darauf ist ein Foto der Zeremonie auf dem Flugplatz zu sehen, darüber steht: "Ich war die Altarinsel". Die Taschen sind natürlich längst ausverkauft, wie Robert Eberle, Sprecher der Erzdiözese, mitteilt. Je eine der Taschen haben der damalige Erzbischof Robert Zollitsch, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Oberbürgermeister Dieter Salomon bekommen. Ob die drei sie auch tragen, ist nicht bekannt.

Ausflug ins Bächle
Ein Freiburger Bächle hätte Helmut Kohl fast einen Strich durch die Privataudienz beim Papst gemacht. Der SUV des Altkanzlers – am Steuer saß nach Augenzeugenberichten seine Frau – war vom rechten Weg abgekommen und steckengeblieben. Zum Glück war Peter Bauer mit seinem Abschleppdienst schnell vor Ort.

Schnell war auch seine Tochter, die die Kamera zückte. Netterweise stellte sie die Fotos der Bergungsaktion auch der BZ zur Verfügung. Nur der Altbundeskanzler war not amused. Denn kurz darauf erhielt Bauer ein Schreiben vom Anwalt der Kohls: Mit der Veröffentlichung gehe eine "erhebliche Sicherheitsgefährdung" seiner Mandanten einher. Zudem seien die Rechte des Ehepaars verletzt worden. "Das verlief irgendwann im Sand", sagt Bauer. Viel kurioser: Er habe ein Schreiben vom Regierungspräsidium (RP) erhalten, in dem stehe: Sollte Helmut Kohl die Rechnung nicht begleichen, springe die Behörde ein. "Ich wüsste keinen Grund, warum wir das hätten tun sollen", sagt RP-Sprecher Markus Adler. Aufklären ließe sich das heute nicht mehr. Die Nachfrage bei der Polizei ergibt: Wer den Abschleppdienst ruft, muss auch zahlen. Doch in dem Trubel damals habe man nicht gewusst, wer der Anrufer war. Ist auch nicht mehr wichtig, denn die Kohls haben die Rechnung von 660 Euro dann doch selbst beglichen.

Münster mit Kondom
Auch wenn’s den Anschein hatte, waren nicht alle begeistert, als Papst Benedikt in die Stadt kam. "Freiburg ohne Papst" nannte sich eine Gruppe – darunter neun Vertreter aus verschiedenen Gemeinderatsfraktionen. Sie sammelten mehr als 5000 Unterschriften, unter anderem gegen einen Eintrag des Papstes ins Goldene Buch der Stadt. Das Bündnis, das aus der "Rose Hilfe" hervorgegangen war und in seinem Logo dem Münster ein Kondom überstülpte, hatte einige Kritikpunkte wie die Haltung des Papstes gegenüber Schwulen und Lesben. Was ist geblieben? Eine Facebookgruppe, die immer noch 1253 Likes hat. Doch dürfte das kaum einer der Likenden wissen, denn gepostet wurde schon seit Jahren nichts. Vielleicht ändert sich das ja jetzt zum Jubiläum.

Ein Stück Asphalt
Zurückgebaut ist mittlerweile die Straße für die Baustellenfahrzeuge am Rande des Flugplatzareals, wie Rathaussprecherin Martina Schickle mitteilt. Von einer weiteren Zufahrtstraße, die man wegen des Papstbesuches gebaut hatte, ist zumindest ein Stückchen geblieben – "etwa 100 Meter", schätzt Unisprecher Rudolf-Werner Dreier. Der Weg soll wieder verlängert werden, nämlich als Zufahrt zur Baustelle auf dem Campus der Technischen Fakultät. Im dritten Bauabschnitt siedelt sich dort das Fraunhofer Institut für Physikalische Messtechnik an. Und später soll die Straße umgeleitet werden und zum neuen SC-Stadion führen, so Dreier.

Katholisches Biotop
Gottesdienst auf dem Biotop: Wegen des Magerrasens auf dem Flugplatzareal musste die Erzdiözese strenge Auflagen beachten. Nach dem Papstbesuch wurde "beeinträchtigter Magerrasen" wiederhergestellt, teilt Rathaussprecherin Schickle mit: Kies wurde entfernt, der zwischengelagerte Oberboden wieder angedockt, und an manchen Stellen wurde nachgesät. Der Rasen hat’s also überlebt – in seiner vollen Pracht zumindest bis zum Stadion-Neubau.

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