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12. November 2008

"Wagner in Israel – eine sensible Sache"

BZ-INTERVIEW mit dem Freiburger Josef Lienhart, der in Straßburg den "Prix Européen de la Culture et de la Communication" erhält.

  1. Pflege des Wagner-Erbes: Josef Lienhart (unten), Taktstocksplitter Richard Wagners Foto: dpa/schneider

  2. Foto: Ingo Schneider

Josef Lienhart hat Musikgeschichte geschrieben. Zwei Jahrzehnte setzte der Freiburger sich an der Spitze des von ihm mitgegründeten Richard-Wagner-Verbandes International (RWVI) für die Pflege des künstlerischen Vermächtnisses des Komponisten ein. Am Freitag wird er dafür in Straßburg mit dem "Prix Européen de la Culture et de la Communication" der Stiftung Pro Europa geehrt. Alexander Dick unterhielt sich mit ihm.

BZ: Ist dieser Preis der krönende Abschluss Ihrer Arbeit?
Josef Lienhart: Der Preis geht in erster Linie an den Verband; ich nehme ihn nur entgegen. Es ist für mich eine große Freude, einen europäischen Preis an einem so symbolträchtigen Ort entgegenzunehmen, weil die Internationalisierung des Richard-Wagner-Verbands als ursprünglich deutschem Verband durch mich angeregt wurde. Also: kein krönender Abschluss, sondern eine schöne Bestätigung für eine Arbeit, die weitergeht: Ich bleibe Vorsitzender in Freiburg und soll Ehrenpräsident des RWVI werden.
BZ: Mit Ihnen ausgezeichnet werden neben dem Cécile-Verny-Quartet auch der Chor der Straßburger Synagoge de la Paix sowie vier jüdische Organisationen, die sich um das Weltkulturerbe verdient gemacht haben. Wie sehen Sie das vor dem Hintergrund von Wagners Antisemitismus? Bieten sich da Chancen einer Annäherung?

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Lienhart: Ich denke schon. Ich bin in der Vergangenheit oftmals von jüdischen Freunden angesprochen worden, ob wir nicht auch noch einen Wagner-Verband in Israel gründen. Ich habe das immer in Frage gestellt, weil es eine Sache der Zukunft ist. Zumal, so lange es noch immer Überlebende des Holocaust oder deren Angehörige gibt. Das ist eine ganz sensible Sache, die sehr viel Zeit braucht. Wenn dieser Wunsch eines Tages von Israel aus an uns herangetragen werden sollte, dann erfüllte uns das natürlich mit ganz großer Freude. Aber wir könnten nie von uns aus sagen: Wir wollen das. Im Übrigen sind auch alle anderen internationalen Richard-Wagner-Verbandsgründungen immer auf Betreiben der Menschen von dort erfolgt.
BZ: Richard Wagners Verhältnis zu den Juden ist ein sehr widersprüchliches, wie wir wissen: einerseits der Antisemitismus in seinen Schriften, andererseits zählten zu seinen besten Freunden selbst Juden. Welchen Stellenwert hat der Antisemitismus bei Wagner wirklich?
Lienhart: Dass seine Schrift "Das Judentum in der Musik" ein unsägliches Pamphlet ist, daran gibt es nichts zu beschönigen. In die Partituren jedoch, und das ist das Entscheidende, sind diese Gedanken nicht eingegangen. Auch die jüdische Wagner-Forschung hat widerlegt, dass Figuren wie Beckmesser oder Mime Judenkarikaturen seien, wie behauptet wurde. Antijüdische Ressentiments kennen wir im 19. Jahrhundert von vielen Intellektuellen – aber die hatten eben keinen Hitler als Bewunderer. Das Entscheidende ist doch, dass Richard Wagners Musik unser Unterbewusstsein auslotet und deutet wie kaum eine andere. So, dass auch unsere Freunde aus den Wagner-Verbänden zum Beispiel in Japan und China, also in Ländern mit einer ganz anderen Kultur, sagen: Das sind auch unsere Gefühle!
BZ: Dennoch hat es bis nach der Wende gedauert, bis das Wagner-Verbandswesen sozusagen seine Globalisierung erfuhr. Warum?
Lienhart: Es ist richtig, dass der 1909 gegründete Richard-Wagner-Verband nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit vor allem eine westdeutsche Spielart war. Dazu kamen die Verbände aus Österreich, später Paris und London als assoziierte Mitglieder, aber ohne Stimmrecht bei den Versammlungen. Für mich war es damals ein absolutes Gebot der Stunde, diese Ungleichheit zu beseitigen, was 1991 beim Wagner-Kongress in Lyon geschah – alle Mitglieder bekamen ein gleichwertiges Stimmrecht. Dass nach der Wende so rasch so viele Verbandsgründungen in Mittel- und Osteuropa erfolgten – es gehört für mich zum Bewegendsten in meinem Leben.
BZ: Worin sehen Sie denn die größten Herausforderungen für Ihren Verband in den kommenden Jahrzehnten?
Lienhart: Es wird sicher weiter Neugründungen geben, auch wenn sich dieser Prozess zwangsläufig verlangsamen wird. Eine Herausforderung sehe ich in den Veränderungen der Gesellschaft. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Jugend mit klassischer Musik aufwächst. Gleiches gilt für die Bindung der Menschen an die Verbände, wenn man davon absieht, dass diese verstärkt eine sozialpsychologische Aufgabe wahrnehmen, bedingt durch die Auflösung der Großfamilie und die damit verbundene Vereinsamung gerade älterer Menschen. Man wird den Menschen Angebote machen, auf ihre Wünsche eingehen müssen. Zu sagen: Das war immer so – da wären wir beim Kaffeekränzchen vom Wagner-Verband deutscher Frauen stehen geblieben.