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23. Januar 2009

Weder Milchreis noch Rosen

Sigrid Hofmaier setzt ein "Zeichen der Zeit" mit dem "Ich-Pass": Lebendiges dokumentieren

  1. Sigrid Hofmaier hat den „Ich-Pass“ erdacht und gestaltet. Das Boot am Meer ist eines der Bildmotive, das darin vorkommt. Foto: Schneider/Privat

"Ich brauch’ ganz viel Bewegung", sagt Sigrid Hofmeier von sich. Und gerne setzt die 52-jährige gelernte Fremdsprachensekretärin auch etliches in Bewegung. Vor zehn Jahren machte sie sich als Texterin und Redakteurin selbstständig, seit kurzem ist sie zudem mit einer völlig neuen Geschäftsidee am Start: dem "Ich-Pass". Der könnte die Lücke füllen zwischen aktivem, selbstbestimmtem Leben und Patientenverfügung. Der Ich-Pass nämlich listet auf, welche seelischen und sinn lichen Bedürfnisse und Vorlieben jemand hat.

Das Nachdenken und Vorsorgen für mögliche Situationen von Bedürftigkeit zwischen Bewusstlosigkeit, Demenz und Koma etwa, ist etwas, das die meisten lieber vermeiden. "Ich bin da völlig anders", sagt Sigrid Hofmaier und strahlt vergnügt, "ich muss mich mit der Situation beschäftigt haben, erst dann bin ich beruhigt." Dass sie selber die von ihr erdachte 24-seitige, hübsch gestaltete Broschüre mit diversen Fragen und Rubriken ausgefüllt hat, versteht sich von selbst. Unter "Leidenschaften" steht da "lesen, schreiben, singen, reisen". Und fürs Reisen nennt sie auch die dazugehörigen Sehnsuchtsländer: Irland und China.

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Als Sigrid Hofmaiers Vater vor wenigen Jahren von einem auf den anderen Tag ins Koma fiel, empfand sie es als regelrechtes Versäumnis, dass niemand darauf kam, dem todkranken Mann Kopfhörer aufzusetzen und ihn mit Musik zu versorgen. "Als Rundfunkmoderator war er immer von Musik umgeben", erzählt sie, "aber sagen konnte er das eben nicht mehr." Insofern nennt sie ihre über ein Jahr hinweg entwickelte Idee auch ein "Zeichen der Zeit". Soll heißen, erst, wenn niemand in unmittelbarer Nähe ist, der über Vorlieben und Abneigungen Auskunft geben kann, würde ein Ich-Pass richtig hilfreich.

Eine Altenpflegerin, die Demenzkranke betreut, so berichtet Sigrid Hofmaier, quittierte die Ich-Pass-Broschüre im Reisepassformat kürzlich mit einem Stoßseufzer: "Ich wünschte, wir hätten für unsere Patienten solche Ich-Pässe bei den Akten." Ihren eigenen hat sie in ihre Dokumentenmappe gepackt, zu Stammbuch und Impfpass. Inspirierend war für die Entwicklung des kleinen Büchleins zum Selberausfüllen (8 Euro) das ständige Gespräch mit Freunden – und die Idee der Erinnerungsbücher, die aidskranke Mütter in Afrika für ihre Kinder anlegen. Im Grunde, findet Sigrid Hofmaier, ist der Ich-Pass ein Angebot für Autobiografie-Arbeit, ein kleines Lebensmanifest. In ihrem eigenen ist vermerkt, was sie nicht mag: "Es wäre mir eine Horrorvorstellung, dass man mir Milchreis geben würde – ich steh’ mehr auf Kohlroulade." Und Rosenduft, sagt sie, wär’ auch nicht ihrs.

http://www.ich-pass.de

Autor: Julia Littmann