Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
03. Dezember 2010
Wenn die WG zur Bühne wird...
"Zwischenmiete": Autoren halten in Wohngemeinschaften Lesungen ab, die Studierende und das Literaturbüro organisieren.
Wie holt man junge Autorinnen und Autoren und brandneue Literatur zu sich ins Wohnzimmer? Die "Zwischenmiete"-Lesungen des Freiburger Literaturbüros in Freiburger Studenten-WGs machen es möglich.
In Katja Schulz’ geräumigem WG-Zimmer ist es proppenvoll. Etwa 80 junge Zuhörerinnen und Zuhörer drängen sich hier auf Kissen, Stühlen und Sofas zusammen, andere müssen sogar im Flur oder in der Küche Platz nehmen, Bier und Brötchen machen die Runde. Alle Ohren lauschen fasziniert dem 26-jährigen Clemens-Brentano-Preisträger Andreas Stichmann, der aus seinem Erstlingswerk "Jackie in Silber" liest.Seit April laden die drei Studenten Ann-Christin Bolay, Carolin Löher und Felix Schiller mit Hilfe des Freiburger Literaturbüros junge Nachwuchsautoren in Freiburger Wohngemeinschaften ein. Bisher gab es vier dieser in Deutschland einzigartigen Veranstaltungen, zu denen bis zu 100 Besucher pro Abend kommen. Ort und Autor sind dabei jedes Mal andere, was ein immer neues Publikum garantiert. "Unser Ziel ist es, noch unbekannten Schriftstellern eine Plattform zu bieten und durch die intime Atmosphäre einer privaten Wohnung für Studenten den Anreiz zu bieten, eine Lesung zu besuchen", erklärt Germanistikstudentin Ann-Christin Bolay. "Denn Literatur kann viel Spaß machen", ergänzt Mitorganisatorin Carolin Löher, Germanistik- und Skandinavistikstudentin, begeistert.
Werbung
Atmosphäre bin ich nervöser als auf einer Bühne vor
großem Publikum."
Andreas Stichmann, Schriftsteller
Für Andreas Stichmann selbst ist diese intime Art der Lesung eine gänzlich neue Erfahrung: "Eine super Sache", nennt er die Veranstaltung, obwohl er zugibt, dass er in einer so privaten Atmosphäre nervöser ist als auf einer Bühne vor großem Publikum . Als er von den Organisatoren angeschrieben und eingeladen wurde, zeigte er sich sofort begeistert von der Idee und der Motivation der Studenten. "So etwas muss weitergesagt werden", findet Stichmann.
"Wie die Studierenden sind auch viele der jungen Autoren noch auf dem Weg zu sich selbst", sagt Stefanie Stegmann, die Leiterin des Freiburger Literaturbüros, die das Konzept der Lesung ins Leben gerufen hat. Sie betont aber, dass ihre ehemaligen Praktikanten Felix Schiller und Carolin Löher zusammen mit Ann-Christin Bolay das Projekt selbstständig entwickelt haben und seitdem leiten. "Das ist ein Abend, an dem ich mich zurückhalte", schmunzelt Stegmann. Lediglich bei den Finanzen hilft das Literaturbüro aus, mit wie viel genau, will es nicht sagen. Mittlerweile hat sich die "Zwischenmiete" zu einem Selbstläufer entwickelt. WGs rufen von sich aus im Literaturbüro an, um Gastgeber werden zu dürfen: So auch Katja Schulz, die "ihren Mädels", den Mitbewohnerinnen Navina Bopp, Elli Roeb und Anna Tonzer am Küchentisch vorschlug mitzumachen. Alle drei Mitbewohnerinnen waren sofort begeistert, steckten zur Vorbereitung sogar schon die Nase in Stichmanns Buch "Jackie in Silber". "Wir wünschen uns einfach einen schönen Abend", sagt Navina Bopp.
Dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, lässt sich nicht bestreiten. Obwohl die Knochen vom langen Sitzen auf dem Boden schmerzen, hören alle gebannter zu als in jeder Uni-Vorlesung, grinsen über Stichmanns eindrückliches Worte "Du stehst da und winkst wie ein Arschloch im Mai". Hinterher diskutieren sie in Küche und Flur bei Bier und Brötchen noch lange weiter.
Autor: unserer Mitarebieterin Julia Beier
