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10. März 2010

Wenn die Zivis gehen, müssen Freiwillige nachkommen

Was muss folgen auf einen verkürzten Zivildienst? Die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae beim Deutschen Roten Kreuz.

Kaum ging’s los, da ist es wieder vorbei: Dieses Gefühl hat Jan Kneisler (20), der im September seinen Zivildienst beim Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) begonnen hat. Dabei dauert seine Zivi-Zeit immerhin neun Monate – nach den Plänen der schwarzgelben Regierung werden daraus vom kommenden Jahr an sechs. Was sind die Folgen? Und was muss nun passieren?

Darüber sprach die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae gestern in der DRK-Rettungswache mit Wolfgang Schäfer-Mai, dem Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands. Bei diesem Gespräch sind sich alle einig: Ein schlechterer Kompromiss ist kaum denkbar. Weil die FDP den Wehrdienst ganz und die CDU ihn gar nicht abschaffen will, sei das Sechs-Monats-Konstrukt entstanden, bilanziert Kerstin Andreae.

Es nutzt nach Einschätzung der Runde niemandem. Wenn es für Jan Kneisler schon gelten würde, wäre seine Zeit im Rettungsdienst bereits vorbei – wirklich im Einsatz wäre er kaum gewesen. Denn die Arbeit im Rettungsdienst setzt eineinhalb Monate Ausbildung mit Prüfung zum Rettungshelfer voraus. Auch danach dauert es, bis jemand sicher im Umgang mit den Kranken wird. Darum ist für Wolfgang Schäfer-Mai klar: Im Rettungsdienst wird es künftig keine Zivis mehr geben – ebenso werde es in anderen anspruchsvollen und interessanten Arbeitsbereichen der Wohlfahrtsverbände und Krankenhäuser sein. Für das DRK geht er von einem Abbau von derzeit 35 auf fünf bis acht Zivi-Stellen aus.

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In Frage kämen nur noch "Jobs mit einfachsten Tätigkeiten", zum Beispiel Fahrdienste für Menschen mit Behinderung. Wegfallen müssten auch alle Tätigkeiten, die den Aufbau von Beziehungen voraussetzen: in der Pflege, bei der Haushaltshilfe für alte und kranke Menschen, die Verlässlichkeit brauchen. Und die Folgen? Am gravierendsten die Verschlechterung der Arbeitsqualität – weniger Mitarbeiter genau da, wo das hauptamtliche Personal ohnehin viel zu knapp ist. Teurer wird’s zudem zusätzlich zur Verschlechterung werden, sagt Wolfgang Schäfer-Mai, die Auswirkungen dieser kaum durchdachten Entscheidung würden ignoriert.

Wo ist die Lösung? Wieder große Einigkeit: Wenn der Zivildienst mehr oder weniger abgeschafft wird, muss das damit gesparte Geld in den Ausbau tragfähiger Freiwilligendienste fließen. Das heißt auch und vor allem, dass diejenigen, die sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) entscheiden, dabei auch finanziell überleben können müssen. Derzeit ist das mit 400 Euro "Verdienst" plus Kindergeld unmöglich – zumindest dann, wenn jemand nicht mehr mietfrei bei den Eltern wohnen kann oder will. Für Jan Kneisler war das der Grund, warum er statt dessen Zivi geworden ist. Eigentlich wäre ihm ein FSJ lieber gewesen, er würde gern länger als Rettungshelfer arbeiten – als gute Vorbereitung fürs geplante Medizin-Studium.

Autor: Anja Bochtler