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22. Oktober 2014

Wie ein Rockstar auf der Bühne

LEUTE IN DER STADT: Bestsellerautor Andreas Altmann liest in der Wodan-Halle.

  1. Die Lederjacke als Markenzeichen: Andreas Altmann Foto: M. Bamberger

Soldaten umzingeln ein kleines Steinhaus mit Wellblechdach, Gewehre im Anschlag. Die Stimmung ist aufgeladen. Wütende Männer schreien. Ein Bulldozer gibt Gas und walzt das Haus nieder. Sie sind gekommen, um die kleine Beduinensiedlung südlich des palästinensischen Hebron dem Erdboden gleichzumachen. Es ist still in der Wodan-Halle, während Reiseautor Andreas Altmann die Szene aus seinem Buch vorliest. "Ich habe mich nebenbei immer mit dem Thema auseinandergesetzt, aber die Wirklichkeit hat mich dann doch in ihrer Brutalität überrascht", sagt er.

Das verpfuschte Leben des Vaters in der SS

Bestsellerautor Altmann ist nach Freiburg gekommen, um sein Buch "Verdammtes Land – eine Reise durch Palästina" vorzustellen. Etwa 80 Zuhörerinnen und Zuhörer sind der Einladung des Café Palestine am Sonntagabend in die Wodanhalle gefolgt. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Lesung – normalerweise finden hier laute Konzerte statt. Ein bisschen ist es auch so, als säße dort auf der Bühne ein Rockstar. Mit schwarzer Mütze, Stiefeln und dunkler Lederjacke – Altmanns Markenzeichen. Seine Haare hängen ihm ins Gesicht und lassen seine Augen nur erahnen. Heute knallt keine Gitarrenmusik aus den Lautsprechern. An diesem Abend ist es ganz ruhig. Nur ein gelegentliches Räuspern oder das verlegene Knarzen einer Bierbank mischen sich unter Altmanns Geschichte.

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Das Buch hat er umgeklappt, seine Hand umklammert es und stützt es auf dem Unterarm ab. Er hält es nah an sein Gesicht, während er wortgewaltig, aber eilig durch die Stationen seiner Reise galoppiert. Es geht um Ungerechtigkeit in Palästina, religiösen Wahn und auch um Altmann selbst. Und zwischendurch schlägt er immer wieder den Bogen zu seinem eigenen Leben und den schlechten Erfahrungen, im katholischen Altötting in Bayern aufzuwachsen, und zu seinem Vater in der Schutzstaffel (SS) in der Nazizeit. Als junger Mann floh er von zu Hause. Er ist ein Rebell, ein Aufrüttler und vielleicht auch ein wenig Selbsttherapeut. "Ich habe dieses Thema 20 Jahre mit mir herumgetragen", sagt Altmann. "Das Buch ist meinem Vater, dem Verlorenen, gewidmet. Nicht, weil ich das, was er vertreten hat, gut finde, sondern weil ich sehe, wie er sein Leben verpfuscht hat mit seinem Wahnsinn." Altmann betont jede Silbe des letzten Wortes.

Auch wenn die Schlange am Signiertisch heute lang ist, für den extremen Atheismus und seine Kritik an der Politik Israels trifft Altmann häufig auf Widerspruch. Als Antisemit sei er öfters beschimpft worden. "Die Reaktion kommt mir so vor wie ein Kind in der Analphase. Da kann man nur in die Hose machen und herumschreien", sagt er, "das heißt, man kann nicht kritisch argumentieren und haut mit dem Wort Antisemit zu." Doch letztlich gehe es doch nur um gierige Machthaber, die zufällig Juden seien, sowie um schwache Unterdrückte, die zufällig Palästinenser seien.

Trotz des erhobenen moralischen Zeigefingers, der häufiger mal nicht ganz so subtil seinen teils zynischen Erzählstil begleitet, gibt er sich bescheiden. "Das Einzige, was ein Autor haben kann, ist, dass seine Arbeit ein bisschen dazu beiträgt, dass die Leute mehr über das Problem wissen".

Autor: Sebastian Heilemann