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20. Mai 2015

Bildungsarbeit

Wie ein Verein an Schulen gegen Homophobie ankämpft

VEREINT IM VEREIN: Der Verein "Fluss" geht für seine Bildungsarbeit zu Geschlecht und sexueller Orientierung auch in Schulen.

  1. „Fluss“ im Droste-Hülshoff-Gymnasium, mit Ronny Pfreundschuh (links), Adrian Hoffmann (rechts), Sebastian Vetter (2. von rechts) . Foto: Schneider

  2. „Fluss“ im Droste-Hülshoff-Gymnasium, mit Ronny Pfreundschuh (links), Adrian Hoffmann (rechts), Sebastian Vetter (2. von rechts). Foto: Schneider

VAUBAN/HERDERN. Sie haben einen Traum: eine Welt, in der Menschen jeder sexuellen Ausrichtung akzeptiert sind. In der sich Jugendliche ohne Angst als lesbisch, bisexuell oder transsexuell outen können und wo "schwul" kein Schimpfwort ist. Mit diesem Ziel fanden sich Menschen, die nicht mit der heterosexuellen Mehrheit übereinstimmen, zu "Freiburgs lesbischem und schwulem Schulprojekt" (Fluss) zusammen. Inzwischen trägt der Verein den umfassenderen Zusatz "Bildungsarbeit zu Geschlecht und sexueller Orientierung".

Wo fängt Homophobie an? Die Jugendlichen der 8 a des Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Herdern ziehen ganz unterschiedliche Grenzen: "Wenn man andere beschimpft". "Wenn man das, was man denkt, nicht für sich behält." Oder deutlich früher: "Wenn man Homosexualität eklig findet." Und was ist mit der als Beschimpfung gemeinten Äußerung "Ist der schwul"? Ronny Pfreundschuh (35) schaut in den Sitzkreis mit Achtklässlern und fragt: "Gibt’s das hier in der Klasse?" Ein Mädchen nickt: "Man sagt das schon, aber eher aus Gewohnheit." Der Begriff habe eine eigene Dynamik entwickelt, die nur noch indirekt mit Homosexualität zu tun habe. Ronny Pfreundschuh, der schwul ist und als Sozialarbeiter und DJ arbeitet, und seine Kolleginnen und Kollegen wollen für solche alltäglichen Diskriminierungen sensibilisieren. In die 8 a sind sie zu viert gekommen: Mit dabei sind der Student Adrian Hoffmann (24), der transsexuell ist und vor seiner Geschlechtsumwandlung als Frau lebte, der schwule angehende Lehrer Sebastian Vetter (24) und eine lesbische Frau, die studiert und nicht mit Namen in der Zeitung auftauchen will. Die meisten, die Schulbesuche machen, sind selbst noch jung und finden schnell Draht zu Schülern.

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Die Zahl der Anfragen von Schulen steige, bilanziert Adrian Hoffmann. Weil die Stadt die Finanzierung von der bisherigen 450-Euro-Stelle zu einem Halbtagsjob ausbaut, gibt’s die Chance zur Erweiterung. Doch das meiste läuft ehrenamtlich. 2014 gab es 30 Schulbesuche, Schwerpunkt Freiburg, aber auch einige im Umland. Adrian Hoffmann, der in einem Dorf aufwuchs, kennt die dort besonders ausgeprägten Berührungsängste, die an manchen ländlichen Schulen zur Ablehnung von Schulbesuchen führten: "Da heißt es dann, das brauchen wir nicht, diese Krankheit gibt es bei uns nicht."

Aber auch in Freiburg gebe es Bedarf, vor allem gebe es wenig Angebote im "Trans-Bereich", dafür sieht er sich als Ansprechpartner. Dass in Freiburg nach wie vor manchmal "Scheu und Ekel" auftauchen, ist auch die Erfahrung von Ronny Pfreundschuh. Zum Beispiel, wenn auf die Frage, was sich ändern würde, wenn die beste Freundin lesbisch wäre, die Antwort kommt: "Dann würde ich nicht mehr mit ihr im gleichen Zimmer übernachten." Auch in den meisten Medien fänden sich nach wie vor viele Klischees. Wenn die Fluss-Mitglieder in die Klassen gehen, wollen sie aufklären und gezielt alle stärken, die selbst zweifeln, ob sie in die heterosexuelle Norm passen. Darum erzählen sie von ihrem eigenen Outing.

Bei Ronny Pfreundschuh fand das relativ spät statt, mit 25. Er stammt ebenfalls vom Dorf, aus einer muslimischen Familie, die immer hinter ihm stand. "Ihr könnt uns alles fragen, alles bleibt unter uns", verspricht er den Jugendlichen. Deshalb verschwindet der Gemeinschaftskunde-Lehrer Jörg Schirrmeister, in dessen Stunde der Schulbesuch stattfindet, gleich zu Beginn. Am Droste-Hülshoff-Gymnasium sind die Fluss-Besuche bei allen Achtklässlern fest etabliert, ähnlich ist es an ein paar weiteren Schulen, bei anderen dagegen hängt alles von bestimmten Lehrern ab.

FLUSS – FÜR BILDUNGS- ARBEIT ZU GESCHLECHT UND SEXUELLER ORIENTIERUNG

Gegründet: 1996.
Mitglieder: 15.
Aktivitäten: Schulprojekte, Erwachsenenbildung mit Lehrern, Polizei, Pflegekräften und anderen Multiplikatoren.
Mitgliedsbeitrag: Keiner.
Kontakt: http://www.fluss-freiburg.de Lise-Meitner-Straße 12, Tel.  0761/ 5953894.  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler