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20. Mai 2014 00:00 Uhr

Innenstadt

Wie ein verirrtes Ufo: Die UB aus städtebaulicher Sicht

Freiburg hat einen neuen Stein des Anstoßes. Genauer: einen Glaskubus des Anstoßes, die neue Universitätsbibliothek. BZ-Redakteur Wulf Rüskamp bewertet den Bau aus städtebaulicher Sicht.

  1. Am dunklen Glaskasten scheiden sich die Geschmäcker. Foto: Ingo Schneider

Im privaten Gespräch geht es allenthalben um die Gretchenfrage: Wie hältst Du’s mit der neuen Universitätsbibliothek? Selbst der neue Gestaltungsbeirat der Stadt hat sie sich stellen lassen müssen – und sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Es ist eine Frage, an der sich in Freiburg mehr die Geschmäcker als die Geister scheiden.

Denn eine öffentliche Debatte wird um diesen Bau, entstanden nach einem Entwurf des Basler Architekten Heinrich Degelo, noch nicht geführt. Es geht bisher um Einzelstatements. Da begeistern sich die einen, wie sich die Nachbarschaft in der dunklen Glasfassade spiegelt. Andere bestreiten, dass so ein abstraktes Gebilde ins traditionsverliebte Gefüge der Freiburger Innenstadt passt. Aber diesem Anspruch hatte ja schon der Vorgängerbau, Werk des Betonbrutalismus der 70er Jahre, nicht genügt.

Die Glasfassade – ein großes Thema

Noch ist die neue Bibliothek nicht fertig. Zwar ist die gläserne Außenhaut bis auf ein paar Fehlstellen geschlossen, aber der Innenausbau zieht sich in den Herbst hinein. Was dort im Rohbau bisher zu sehen war: gewaltige, durchgängige Etagenebenen, die sich über riesige Fenster zur Außenwelt öffnen. Doch was lässt davon die kommende Innenarchitektur übrig? Deshalb ist derzeit nur über das Äußere dieses in seiner Formensprache avantgardistischen Baus zu reden.

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Und geredet wird schon viel. Hatte die Öffentlichkeit, aber auch der Bauherr, die Universität, zunächst ohne großen Widerspruch hingenommen, dass der angekündigte Umbau sich oberirdisch, die Treppentürme ausgenommen, zum völligen Neubau gewandelt hat, ist nun die Glasfassade großes Thema. Das lichte Grau, mit dem Degelo noch den Architektenwettbewerb gewonnen hatte, ist aus klimatischen Gründen immer dunkler geworden; nun wirkt es bei bedecktem Himmel nahezu schwarz – was die städtebauliche Wirkung des Ganzen nicht verbessert. Zudem droht sich die schräg gestellte Glaswand als wahres Blendwerk zu erweisen, wenn die Sonne tief steht. Es erinnert ein wenig an Schilda, dass nun zur jeweiligen Jahreszeit Tuchbahnen vors Glas gehängt werden sollen ...

Ein Solitär mit versteckten Eingängen

Aber das ist ja nur vorübergehend. Bleibend sind die über die ganzen sieben Stockwerke mal nach außen, mal nach innen kippenden Wände mit schrägen Ecken, eine technisch höchst anspruchsvolle Konstruktion. Das Ganze wirkt wie eine schief gefaltete, dunkle Kiste, deren Stockwerksgliederungen sich nachts durch die Innenbeleuchtung ablesen lassen – so das Versprechen. Doch geht man den vorbeiführenden, verkehrsberuhigten Innenstadtring entlang, so wirkt dieses neue Element im Straßenzug aus der Distanz keineswegs störend, sondern passt in die Fassadenabfolge gut hinein, ja verstärkt deren vorhandene Unruhe produktiv durch eine neue, große Form.

Selbst am Platz der Alten Synagoge, dessen Umgestaltung zu einem Steingehege ebenfalls stark umstritten ist, fügt sich die Universitätsbibliothek auf extravagante Weise ein. Denn die Nachbarschaft der beiden Kollegiengebäude von Hermann Billing und Otto Ernst Schweizer sowie des Stadttheaters wirkt wie ein gegenseitiges Auftrumpfen. Da kann Degelos Entwurf gut einen Stich machen, weil er noch kompromissloser auf die Nachbarschaft reagiert. Er liefert den absoluten Solitär, der nicht einmal anzeigt, wo seine Eingänge sind.

Dass sich die Wettbewerbsjury für diesen Solitär entschieden hat, erstaunt um so mehr, als damals die Universität ihre große Verbundenheit mit der Stadt betonte und die Gespräche auf Augenhöhe. Zugleich aber war es die Zeit, als die Universität im Exzellenzwettbewerb den Elitetitel errungen hatte – den gab es zwar nicht offiziell, aber das Selbstbewusstsein krönte sich dennoch damit. Degelos Bau steht für dieses Selbstbewusstsein, er setzt der Stadt die universitäre Krone auf.

Ein Ufo, das sich in eine historisch gewachsene Stadt verirrt hat

Doch zugleich wirkt er, bei aller formalen Qualität, wie ein Ufo, das sich in die Kleinteiligkeit einer historisch gewachsenen Stadt verirrt hat. Entsprechend gibt es viele, die diesen so elegant wie provokativ wirkenden Bau durchaus gerne in Freiburg sehen – aber doch lieber am Stadtrand, wo er für sich stehen kann, ohne alles Umstehende als vorgestrig und verstaubt aussehen zu lassen.

Diese Haltung ist nachvollziehbar. Dazu muss man sich nur an die Südseite stellen, dort wo die Universitätsbibliothek ans gründerzeitliche Sedanviertel stößt. Aufrecht stehen dort die zart gefärbten Stuckfassaden der dunklen Glaswand gegenüber, die vom Gehsteigrand schräg nach oben wegschießt. Das ist Ausdruck tiefster Disharmonie, die keine Spiegelung auffängt (zumal ein Stadtgefüge nicht aus Spiegelungen besteht, sondern aus dem Dialog der Gebäude und offenen Räume). Auf der Westseite liegt die Milchstraße, in deren Kreuzung mit der Belfortstraße der Bibliotheksbau mit einer spitzen Ecke hineingrätscht. Früher duckten sich hier die niedrigen Häuser vor der mächtig dräuenden Rückfassade der Universitätsbibliothek; der Nachfolgebau kippt dagegen nach hinten weg, was zwar viel Luft- und Lichtraum schafft, in den Passanten aber die Neigung aufkommen lässt, schräg geneigt durch diese immer noch schmale Straße gehen zu müssen, um sich irgendwie gerade zu halten.

Kurzum: Dieser Neubau ist groß gedacht und wirkt in dieser Hinsicht auch durch seine außergewöhnliche, in den Proportionen gelungene Gestalt wie ein Weckruf ans architektonisch eher brave Freiburg. Aber im Detail fügt er seiner Nachbarschaft große Schmerzen zu – wie schon der Vorgängerbau. Der freilich musste nach gut 40 Jahren weichen – weil seine Betriebstechnik als überholt galt. Da soll der Neubau so entschieden besser sein, dass sich die Freiburger wohl oder übel an seinen Anblick gewöhnen müssen: Abgerissen oder umgebaut wird hier nicht mehr so schnell.

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Autor: Wulf Rüskamp