Vortrag an der Katholischen Hochschule

Wie erkennt man Gewalt in der Pflege?

Elisa Miebach

Von Elisa Miebach

Do, 11. Januar 2018

Freiburg

Extremfälle von Gewalt, wie Missbrauch von Heimbewohnerinnen oder -bewohnern durch Pfleger, sind die Ausnahme. Gewalt in der Pflege ist oft viel subtiler.

FREIBURG. Die Soziologin und gelernte Krankenschwester Nora Roßner informierte in der Reihe "Gewalt heute" der Katholischen Hochschule Freiburg über Gewalt in der Pflege.

An ihr Thema würde Nora Roßner am liebsten ein Fragezeichen setzen. "Pflege als etwas Gutes und Gewalt als etwas Schlechtes sollten gar nicht zusammenpassen", sagt sie: "Doch wenn man Zwang, Bevormundung und ein herabwürdigendes Verhalten als Gewalt sieht, gibt es Gewalt in der Pflege und diese ist gar nicht so selten."

Roßner geht es darum, die Aufmerksamkeit von den wenigen großen Skandalen auf die vielen Kleinigkeiten des Alltags zu lenken. Das könne ein grobes Anfassen, Beleidigung, Vernachlässigung, Verletzung der Intimsphäre, aber auch finanzielle Ausnutzung oder Bevormundung der Betroffenen sein. Patienten ihre Klingel wegzunehmen oder sie mit dem Stuhl so eng an den Tisch zu schieben, dass sie selbst nicht mehr aufstehen können, sind für sie Zeichen der Gewalt.

Alltagsgewalt komme in allen Pflegesituationen vor, ob stationär oder in der häuslichen Pflege. Es gebe eine hohe Dunkelziffer, da nicht immer ersichtlich sei, was passiert. "Die geringe Sichtbarkeit ist ein Grund, warum Gewalt in der Pflege vergleichsweise schnell passieren kann", sagt Roßner. Außerdem seien die Betroffenen durch ihre Hilfsbedürftigkeit stark abhängig von den Pflegenden. Diese könnten Hilfe an Bedingungen knüpfen. Auch die hohe physische Nähe könne Grenzüberschreitungen begünstigen, so Roßner. Pflegekräfte könnten leicht das Schamgefühl der betroffenen Personen verletzen, etwa in dem sie sie auf die Toilette begleiten und dann im Bad bleiben, anstatt kurz den Raum zu verlassen.

Stress und Personalmangel können Auslöser sein

Doch auch Strukturen in Pflegeheimen könnten Zwänge auslösen, beispielsweise frühe Schlafzeiten. Ebenso persönliche Gründe, etwa ein hohes Aggressionspotenzial oder eigene Gewalterfahrungen der Pfleger sowie zwischenmenschliche Konflikte. Auch Überlastung, Stress, Personalmangel, schlechtes Arbeitsklima und fehlendes Wissen der Pflegenden könne zu Gewalt führen. Bei pflegenden Angehörigen könne auch Vereinsamung oder die Abhängigkeit vom Pflegegeld ein Grund für Aggression sein. "Ein Problem ist jedoch nicht nur die Gewalt von Pflegern gegen Patienten", sagt Roßner, "sondern auch umgekehrte Gewalt gegen die Pfleger."

In Heimen gebe es bereits sehr viele Kontrollen gegen Gewalt. Strengere Gesetze sind aus Nora Roßners Sicht nicht sinnvoll, da diese eher eine Kultur der Angst und Vertuschung begünstigen würden. Dem Publikum rät sie, selbst einmal ein Pflegeheim zu besuchen und sich dort zu engagieren. Pfleger aus dem Bekanntenkreis sollten unterstützt werden, falls bei ihnen Überbelastung zu beobachten sei. Besonders auch pflegende Angehörige sollten Entlastungsmöglichkeiten und Beratungen annehmen und sich selbst nicht aufopfern. Professionellen Pflegern könnte es helfen, mehr Fortbildungen zum Thema Gewalt zu besuchen, auf eine offene Fehlerkultur in ihrer Einrichtung zu achten und mehr mit den Betroffenen über deren Bedürfnisse zu sprechen. "Es ist wichtig, sich als Pflegeperson auch einzugestehen, wenn eine persönliche Konstellation mit einem Patienten nicht passt, um dann zu tauschen."

Professorin Ulrike Thielhorn von der Katholischen Hochschule zeigt anschließend die ethischen Probleme in der Pflege auf. "Gibt es das Recht auf Sturz? Gibt es das Recht aufzustehen, wann wir wollen? Nicht jeder Sturz kann verhindert werden", sagt Thielhorn. Sie und Roßner sprechen sich für mehr gesellschaftliche Wertschätzung der Pfleger aus, fordern mehr gut ausgebildete Pflegekräfte und mehr Mittel für die Altenpflege.