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"Wildwasser": Online-Beratung zum Thema Missbrauch

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mo, 22. August 2011

Freiburg

Hilfe für Gleichaltrige: Bei „Wildwasser“ beraten junge Frauen andere mit Missbrauchserfahrungen per Mail oder Chat.

Einmal beim Chatten ist Katharina Seiler (23) in Panik geraten. Sie wusste nicht, dass nur eine abgestürzte Internet-Verbindung schuld daran war, dass sich ihre manchmal über Suizid nachdenkende Chat-Partnerin nicht mehr meldete. Doch falls es zu brenzligen Situationen kommt, werden Katharina Seiler, Sara Markus (21) und sechs andere Peer-Online-Beraterinnen bei "Wildwasser", der Anlaufstelle bei sexuellem Missbrauch, nie allein gelassen. Auch sie lassen andere nicht allein: Sie sind für Gleichaltrige da, die sexuell missbraucht wurden – oder werden.

Sie erfahren von schwer erträglichen Lebensgeschichten. Zum Beispiel von der jungen Frau, die seit Jahren von ihrem Vater schwer sexuell missbraucht wird, es aber nicht schafft, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Wenn sie ihre Situation und ihre Scham beschreibt, ist das ein Schritt aus ihrer Isolation.

Wenn eine andere Frau erzählt, dass sie ihre Verwandten mit ihrem sexuellen Missbrauch in der Kindheit konfrontiert hat und manche ihr nicht glauben wollen, ist auch das ein Schritt, der weiterführt. "Ich frage sie viel, das hilft ihr, klarer zu werden, wie sie damit umgehen will", sagt Sara Markus. Es sind meist einfache Fragen, zum Beispiel nach dem Verhältnis zu den Verwandten. Oft sind die ehrenamtlich arbeitenden Peer-Beraterinnen die Ersten, denen sich sexuell missbrauchte junge Frauen anvertrauen – in der Anonymität des Internets.

Die Peer-Beratung gibt’s seit Januar 2010. Die Beraterinnen beantworten Emails von Neuen innerhalb von ein paar Tagen, dazu kommen Chat-Termine, die jeweils auf der Homepage angekündigt werden. Im vergangenen Jahr hatten die Peers zu 50 jungen Frauen Kontakt. Manche erzählten weder ihrem Partner noch ihrem Psychotherapeuten, was sie erlebt haben, sagt Katharina Seiler. Sie war überrascht, als sie vor Jahren bei ihrem freiwilligen sozialen Jahr in der Psychiatrie erfuhr, wie viele der Patientinnen – und Patienten – früher in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden waren. Inzwischen studiert sie Sozialarbeit, hat ein halbes Jahr lang bei "Wildwasser" als Praktikantin mitgearbeitet und ist später in die Online-Beratung eingestiegen mit dem Ziel: "Man muss möglichst früh ansetzen."

Das findet auch Sara Markus, die eine Ausbildung zur Medienkauffrau macht und bis zu ihrem Einstieg in die Online-Beratung vor einem halben Jahr nie etwas mit dem Thema sexueller Missbrauch zu tun hatte. Durch die Beratung und die gründliche Vorbereitung durch eine "Wildwasser" -Schulung hat sie mittlerweile ein Bild davon, wie sich die Opfer fühlen. "Junge Frauen sollten anderen beistehen, die so etwas erlebt haben", findet sie – darum macht sie mit. Die Hintergründe der acht jungen Beraterinnen sind sehr unterschiedlich, einige haben früher selbst Missbrauch erlebt. Auch bei den Situationen der Ratsuchenden gibt’s ein breites Spektrum, manche leben unauffällig und integriert, andere sind komplett isoliert. Meist geht es um kleine Schritte, immer wieder geht es auch einen Schritt zurück. "Die Verarbeitung kostet unheimlich viel Stärke", sagt Katharina Seiler. Und wie gehen die Beraterinnen mit den belastenden Geschichten um, die sie erfahren? Die Online-Ebene biete einen gewissen Schutz und Distanz, sagen sie – außerdem hat jede eine Tandem-Partnerin zum Austausch und im Hintergrund sind immer die Sozialarbeiterinnen. Sie entscheiden auch, welche Emails sie selbst beantworten und was an die Peers weitergeleitet wird, sagt die Sozialpädagogin Susanne Strigel.