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11. Januar 2010

Wo Geburten lebensgefährlich sind

LEUTE IN DER STADT: Der Gynäkologieprofessor Horst-Michael Runge hilft in Laos

  1. Hilft nun in Laos: Horst-Michael Runge Foto: Michael Bamberger

Daran, dass er mindestens die Hälfte des Jahres weit weg von Freiburg verbringt, hat sich Horst-Michael Runge längst gewöhnt. Seit 20 Jahren arbeitet der 60 Jahre alte Gynäkologieprofessor der Uni-Frauenklinik in Ländern, wo die medizinische Versorgung schlecht ist. Früher war er in Birma und Kambodscha, dann sechs Jahre mit seiner Familie in Vietnam, wo er im Herbst zum zweiten Mal mit einer Ehrenprofessur ausgezeichnet wurde. Jetzt konzentriert er sich auf Laos, ein Land in Südostasien, das zu den zehn ärmsten der Welt gehört.

Es sind Begebenheiten wie die vom vergangenen Winter, die ihn nicht mehr loslassen: Eine 18-jährige Frau in einem kleinen Bergdorf bekam ihr Kind allein in ihrer Hütte. Dass es nur das erste von zwei Babys einer Zwillingsgeburt war, wusste sie nicht. Dass etwas nicht stimmte und sie Hilfe brauchte, spürte sie aber deutlich. Und so band sie sich nach acht Stunden ihr neugeborenes Baby um und machte sich auf den Weg zum Fluss – sieben Stunden zu Fuß. Nach einer Bootsfahrt musste sie weitere sechs Kilometer marschieren. Dann endlich war sie bei Horst-Michael Runge und seinem Team angelangt: mit 41 Grad Fieber und beginnender Blutvergiftung. Das zweite Zwillingsbaby war tot.

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Ein dramatischer Einzelfall? Keineswegs. In Laos riskieren Frauen bei der Geburt eines Kindes ihr Leben. In 60 Prozent der Distriktkrankenhäuser sind die Ärzte von einem Kaiserschnitt überfordert, die nur 40 ausgebildeten Hebammen und 14 Frauenärzte arbeiten fast ausschließlich in der Hauptstadt Vientiane. 85 Prozent der Bevölkerung – also rund fünf Millionen Menschen – aber leben auf dem Land. Von 100 000 Frauen, die ein Kind bekommen, sterben 400 während der Geburt. Und das ist schon ein Fortschritt, auf den Horst-Michael Runge stolz ist: Immerhin haben er und seine Kollegen diese Zahl in den vergangenen sieben Jahren um ein Drittel gesenkt, davor lag sie bei 600, erzählt er. Zwar gab’s auch in den 30 Jahren davor Bemühungen, doch deren Bilanz war ungleich schlechter: In drei Jahrzehnten war die Rate lediglich von 900 auf 600 gesunken. Und das, obwohl Milliarden dafür ausgegeben wurden, kritisiert Horst-Michael Runge.

Der Fehler lag seiner Meinung nach im System einer Entwicklungshilfe, die lediglich auf den Ausbau der "Basisgesundheit" setzte, nicht aber auf die Ausbildung von Fachärzten. Hier liegt für ihn der Schlüssel für Veränderungen, hier setzt er seit 2001 als Leiter des Postgraduierten-Kollegs "Collaborating Center for Postgraduate Training and Research in Reproductive Health" der Uni-Frauenklinik an. Diese Arbeit finanzieren das baden-württembergische Wissenschaftsministerium und die Else-Kröner-Fresnius-Stiftung.

Seit 2002 bieten 17 Dozenten laotischen Ärzten Unterricht in Frauenheilkunde an. So werden sowohl Fachärzte für alle Provinzkrankenhäuser als auch Hochschullehrer für die Universität ausgebildet. Nachhaltigkeit wird aber auch durch die weltweit ersten Facharztlehrbücher, CD-Roms und Lehr-DVDs garantiert, die das Freiburger Team herausgegeben hat. Europäische Fachärzte mit Zugang zu Fachzeitschriften, Internet und Weiterbildung kommen ohne solches Material aus – für ihre jungen Kollegen in Laos, einem Land, das in Kriegen durch mehr Bomben zerstört wurde als im gesamten zweiten Weltkrieg gefallen sind, wird es dringend gebraucht.

Mag Horst-Michael Runge sein Leben in Laos? Er findet es anstrengend, obwohl er die friedliche Mentalität der buddhistischen Bevölkerung schätzt. Doch eigentlich stellt sich diese Frage für ihn gar nicht. Die Erfolge seiner Arbeit rechtfertigen für ihn allen Stress. Auf Ehrenprofessuren lege er keinen großen Wert, über die Überschrift in einer vietnamesischen Zeitschrift aber hat er sich gefreut: "Der Doktor ohne Grenzen".
Mehr Infos unter 0761/270-3122 oder -32, Internet: http://www.CollaboratingCenterObGyn.org

Autor: Anja Bochtler