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05. November 2009 19:17 Uhr
Fahrrad-Special
Wo leben Radler in Freiburg besonders gefährlich?
Freiburg ist ein gefährliches Pflaster für Fahrradfahrer – das beweist die Statistik. Seit Jahren ist die Zahl der Unfälle konstant hoch, gerade in der dunklen Jahreszeit. Was sind die Gründe? Und: Wo liegen in der Stadt die Unfallschwerpunkte?
Der Pulk strampelt los, windschnittig lehnen die Radler ihre Oberkörper nach vorn, recken die Hintern in die Höhe und treten mit aller Kraft in die Pedale. Jeder will sich den Platz an der Spitze sichern, denn nur wenige Meter weiter vorn verengt sich die Spur – und wer will schon Letzter sein? Sie rempeln und stoßen, Stürze sind vorprogrammiert.
Szenen wie diese spielen sich täglich vor dem Polizeirevier an der Heinrich-von-Stephan-Straße ab. Den besten Blick auf die drängelnde Rangelei auf zwei Rädern hat der Leiter der Freiburger Verkehrspolizei, Daniel Ruß. Von seinem Büro aus verfolgen seine Augen den Pulk, wie er die Heinrich-von Stephan-Straße in Richtung Bahnhof strampelt. "Nur einer von vielen Unfallschwerpunkten in Freiburg", erklärt er.
In der Fahrradstadt liegt die Zahl der Unfälle seit 2003 auf konstant hohem Niveau. Bis vor sieben Jahren gab es noch 460 Unfälle, in die Radler verwickelt waren. Seit dem Jahrhundertsommer hat sich die Zahl jedoch bei einem Wert von mehr als 570 eingependelt. Im vergangenen Jahr erreichte er seinen bislang vorläufigen Rekordstand von 588.
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Überall, wo Fußgänger, Radler und Autofahrer aufeinandertreffen, steigt die Zahl der Unfälle. "Bertoldstraße und Kaiser-Joseph-Straße sind kritische Stellen", erklärt Ruß. Dort ereigneten sich im vergangenen Jahr jeweils 15 Unfälle, an denen Radler beteiligt waren. Und auch die Sedanstraße, die Kreuzung am Stadttheater und die Schwarzwaldstraße gehören zu den Unfallschwerpunkten.
Besonders gefährlich für Radler ist jedoch die Basler Straße. Hier passierten allein im vergangenen Jahr 28 Unfälle. Für Johannes Bruns vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) in Freiburg keine Überraschung: "Die Strecke ist abschüssig, viele sind mit hoher Geschwindigkeit unterwegs." Kommt es zum Sturz, sind die Verletzung häufig schwer. "Was nicht zuletzt daran liegt, dass nur rund zehn Prozent der Radfahrer mit Helm unterwegs sind", sagt Ruß.
Interaktive Karte: Unfallschwerpunkte in Freiburg
Wie bei den Autofahrern gehören die 18 bis 24-Jährigen zur Gruppe derer, die besonders oft in Unfälle verwickelt sind. Das ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Freiburg nicht nur Fahrrad-, sondern auch Universitätsstadt ist. Der Anteil der Studenten an der Bevölkerung liegt bei 12 Prozent, an Unfällen sind sie zu 17 Prozent beteiligt. "Die Risikobereitschaft bei ihnen ist sehr hoch", versucht Ruß eine Erklärung. Zudem seien viele aus Furcht vor Fahrraddieben mit klapprigen und wenig verkehrssicheren Zweirädern unterwegs.
Häufige Unfallursache in der dunklen Jahreszeit: "Gut die Hälfte ist ohne Licht unterwegs." Erst vor wenigen Wochen seien der Verkehrsüberwachung bei einer Kontrolle an einem der Unfallschwerpunkte binnen einer Stunde 41 Radler ohne Licht ins Netz gegangen, berichtet Ruß. Reflektoren oder Katzenaugen gehören auch zu den eher seltenen Accessoires Freiburger Radler.
Alkohol am Lenker
Ein weiteres Problem: Alkohol am Lenker. Werte von zwei Promille und mehr sind Ruß zufolge keine Seltenheit. Allein im Mai registrierte die Verkehrspolizei sieben Unfälle mit angetrunkenen Radlern – meist männlichen. Der Anteil der Frauen, die alkoholisiert in den Sattel steigen, ist verhältnismäßig gering. Einer Statistik der Polizei zufolge war Alkohol im Zeitraum von 2006 bis Mitte 2009 im gesamten Stadtkreis bei 130 Radunfällen im Spiel. Dabei traten zum Zeitpunkt eines Sturzes oder einer Kollision in mehr als 80 Prozent der Fälle Männer in die Pedale.
Keine Chance den Verkehrsregeln
Zweiradfahrer zählen in Freiburg laut Verkehrspolizei in weit über 50 Prozent der Fälle zu den Unfallverursachern. Rote Ampeln? Vorfahrt gewähren? "Viele Radler halten sich nicht an die einfachsten Verkehrsregeln", moniert Ruß. Gerade im Gefahrenbereich Basler Straße seien viele als Geisterfahrer unterwegs. "Aber fragen Sie die mal, ob sie das auch als Autofahrer machen würden. Nie im Leben!" Doch gerade gegen diesen Vorwurf wehrt sich Bruns vom ADFC: "Fehlverhalten im Straßenverkehr ist nur zu etwa zehn Prozent Ursache von Unfällen."
Im alltäglichen Straßendschungel gebe es mehr Todesopfer unter Radlern, wenn die Ampel Grün zeige. "Auto- und Lastwagenfahrer übersehen die Zweiräder häufig", klagt Bruns. Zudem sei die Führung der Radwege das Problem – nicht das Ignorieren von Straßenverkehrsregeln. Hier müsse die Stadt ansetzen. Zwischen mehrspurigen Straßen und unübersichtlichen Kreuzungen würden die Radler geradezu gezwungen, ihre eigenen Regeln aufzustellen. Bruns: "Sicheres Fahren bedeutet eben nicht zwangsläufig regelkonformes Fahren."
Autor: Alexandra Sillgitt
