Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. April 2013

Zeit für Geschichten

Erzählen, Zuhören, Weitererzählen: Wie Kinder in Freiburger Grundschulen spielerisch ihre Sprachkompetenz verbessern.

  1. Nikola Hübsch Foto: Thomas kunz

  2. Begeistert dabei: Kinder der Anne-Frank-Schule in Freiburg Foto: Thomas Kunz

Sie können nicht gut lesen, nicht gut schreiben und auch nicht korrekt sprechen. Überall wird über Jugendliche geklagt, deren Deutsch sehr zu wünschen übrig lässt. Das Amt für Schule und Bildung in Freiburg geht diesen Missstand jetzt an – mit einem in Deutschland bisher einmaligen Projekt. "Erzählen, Zuhören, Weitererzählen" heißt es. EZW, so die Kurzform, fördert das Sprachverständnis der Kinder in den Grundschulen. Mit Erfolg, wie sich zum Beispiel bei den Erstklässlern in der Emil-Thoma-Schule Freiburg zeigt.

Still sitzen sie auf ihren Plätzen und warten gespannt auf die neue Geschichte. Im Kreis der Schüler sitzt Johannes Merkel, der sie ihnen erzählen wird. Zunächst aber wiederholen die Erstklässler die Geschichte von voriger Woche. Was sie davon behalten haben? Viele Arme fliegen in die Höhe. "Es ging um eine Zauberkappe. Die machte den Bauernsohn reich", sagt Jannis. "Eine Geschichte aus Georgien war das", ergänzt Ebru. Die Nacherzählung, zu der fast alle Kinder beitragen, dauert eine ganze Weile. Dann kann Johannes Merkel mit der neuen Geschichte beginnen.

Werbung


Merkel, emeritierter Professor für Sozialpädagogik in Bremen, ist einer von 13 Männern und Frauen, die mehrmals in der Woche Grundschulklassen besuchen, um Märchen und Geschichten zu erzählen. Jetzt schaltet er den Kassettenrekorder an: Ui! Heult da etwa ein kleines Kind? Das rätselhafte Geräusch gehört zu der nun folgenden Geschichte vom Jungen mit der Wunderhand: "Was er auch anfasste, es verdoppelte sich. Solange er noch ein Baby war, ging alles gut. Aber sobald er sich selbst bewegen konnte, brach für seine Mutter eine schlimme Zeit an: In der Wohnung stapelten sich bald Stühle, Eckbänke, Stehlampen ... so ging es nicht weiter." Gekicher unter den Kindern. "Also zog sie ihm einen Handschuh an, den er auf keinen Fall ausziehen durfte. Schließlich kam sie auf die Idee, der Junge könne für den Kaufhausdirektor sämtliche Waren verdoppeln. Der war's zufrieden.

Mit der Alltagssprache allein

kommt man nicht weit

Und so fasste der Junge im Kaufhaus Tag für Tag und Stunde um Stunde die Dinge an, die ihm der Direktor anwies. Da wurde ihm mit der Zeit so langweilig und trübsinnig zumute, dass er sich ins Klo einschloss und laut losheulte." Die Kinder rufen durcheinander: Aha. Das war es also, dieses Geräusch zu Beginn der Stunde. Mit sichtbar emotionaler Beteiligung hören die Kinder etwa 30 Minuten zu, bis zum Ende der Unterrichtsstunde. Ihre Einwürfe und Fragen sind bestimmt von Neugier und Staunen. Sie verwenden dabei vielfach den poetischen Wortschatz des Erzählers. Manchmal verweisen sie auf bereits Erzähltes. Gewitzte Zwischenbemerkungen zeugen davon, dass sie aufmerksam zugehört und die Geschichte verstanden haben.

Johannes Merkel ist ein Profi im Geschichtenerzählen, er macht es seit Jahrzehnten – eine nur folgerichtige Konsequenz seiner wissenschaftlichen Arbeit. Der Sozialpädagoge hat sich intensiv mit dem Spracherwerb von Kindern beschäftigt. Nach seinen Erkenntnissen kommt dabei dem mündlichem Erzählen eine herausragende Bedeutung zu: "Im Alltag beziehen sich die Äußerungen der Kinder auf das, was sie gerade tun oder wollen, dass andere es tun. Dafür reichen einige einfache Sätze. Beim Erzählen dagegen lernen sie ein Sprechen kennen, das sie in ferne, aber höchst anziehende Welten entführt. Mit der Alltagssprache allein kann man sich diese Welten nicht vor die inneren Augen zaubern. Die fremden Welten und Menschen müssen benannt und ausführlich geschildert werden."

Wer eine Geschichte erzählt, muss sich ein Stück weit einer "literalen" Ausdrucksweise bedienen, jener Diktion also, in der Literatur geschrieben wird und die von der den Kindern vertrauten Alltagssprache oft so weit abweicht, dass sie ihnen wie eine Fremdsprache erscheint, die man nicht auf Anhieb verstehen kann. Aber genau diese Sprache brauchen Kinder dringend zur Schulung ihres Textverständnisses und als Grundlage zur Vorbereitung auf kompetentes Schreiben und Lesen. Allein auf Grundlage der Alltagssprache ist das nur schwer zu erreichen. Das gilt für alle Kinder, erst recht für jene, die nicht mit der Muttersprache Deutsch aufgewachsen sind.

Ohne Sprachkompetenz aber geht es nicht: Denn Sprache ist für Menschen das wichtigste Mittel zur Verständigung, zur Wahrnehmung, Verarbeitung und Vermittlung der realen Welt. Wir brauchen sie zur Entwicklung von Vorstellungswelten und zum Nachdenken über uns selbst. So ist es auch in den Leitgedanken zum Kompetenzerwerb für Deutsch in den Grundschulen Baden-Württembergs formuliert.

Erzählen liegt sozusagen auf halbem Wege zwischen der Alltagsverständigung und der Schriftsprache. Denn: Wer erzählt, trägt keinen unabänderlichen Text vor. Er hat die Zuhörenden vor Augen, die ständig auf seine Rede reagieren. Das Sprechen muss sich darum an ihren Reaktionen ausrichten, an ihr Verständnis angepasst werden oder, wenn nötig, mit anderen Worten wiederholt werden. Johannes Merkel: "Erzählende können ihre Sprache den Zuhörenden gewissermaßen auf den Leib schneidern. Das ist der Grund, warum Kinder meist recht gut nicht nur Handlungen, sondern auch Begriffe, einzelne Wendungen und Satzkonstruktionen einer Geschichte erinnern."

Die Idee für das Projekt "Erzählen, Zuhören, Weitererzählen" stammt von der in Freiburg lebenden Schauspielerin und Erzählerin Nikola Hübsch. Sie hatte in Berlin das Projekt "Erzählzeit" kennengelernt, das die Theaterpädagogin Kristin Wardetzky als erstes seiner Art ins Leben gerufen hatte. Hübsch setzte sich mit Christian Schulz, dem Leiter der Freiburger Schulprojektwerkstatt, und dem Amt für Schule und Bildung in Verbindung. Was sie alle zusammen auf die Beine gestellt haben, ist deutschlandweit einmalig. Denn im zweiten Schuljahr wird von den inzwischen ausgebildeten Lehrkräften selbst erzählt.

Nikola Hübsch hat die meiste Erfahrung mit dem Erzählen bei Erst- und Zweitklässlern: "Einer Geschichte zu folgen, ist für die Kinder anfangs keine Selbstverständlichkeit. Sie kennen das häufig nicht aus ihrem privaten Umfeld. Da dominieren Fernseher und Computer." Zuhören zu können, ist ebenso eine Grundvoraussetzung von Kommunikation wie der Spracherwerb, beides bedingt einander. Beides ist für schulisches Lernen unverzichtbar. Und beides ist über Erzählen spielerisch vermittelbar. "Wir sind manchmal ganz gerührt von der Wirkung, die wir ja unmittelbar erfahren."

Damit die Kinder an einer Geschichte dranbleiben, nutzen die Erzählerinnen und Erzähler verschiedene Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit immer wieder aufs Neue zu wecken. Durch Fragen an die Kinder, aber auch und vor allem die Darstellung. Verstehen die Kinder denn, was eine "Hölle" ist, was "Argwohn" bedeutet, wohin die Prinzessin geht, die sich in ihre "Kammer" zurückzieht? Oder: Was ist eine "Muhme", was ein "Müller"? Nikola Hübsch: "Wir versuchen, solche Begriffe durch das spielende Erzählen zu erklären. Das funktioniert erstaunlich gut. Denn die Verständigung und das Verstehen erfolgen über vielfältige kommunikative Kanäle, die das Sprechen als interaktiven Vorgang begleiten. Nicht selten benutzen die Kinder das neue Wort selbst, wenn sie die Geschichte nacherzählen."

Christian Schulz, Lehrer und Fachberater beim Schulamt und Leiter der "Freiburger Schulprojekt-Werkstatt", kann das bestätigen. Vor vier Jahren begann unter seiner Leitung ein Pilotprojekt an der Freiburger Anne-Frank-Schule. Hier wurde zwei Jahre lang das Geschichtenerzählen zur Erweiterung der Sprachkompetenz getestet – mit großem Erfolg. Inzwischen besuchen Woche für Woche professionelle Erzählerinnen und Erzähler erste Klassen einiger der über 30 staatlichen Freiburger Grundschulen. Seit Herbst 2012 kommen auch etliche der Klassen drei und vier in den Genuss von EZW – als Pilotprojekt. Sie sollen später bei der "Schulprojekt-Werkstatt" Geschichtenerzählen "buchen" können. Die Kinder dieser Klassen lernen unter Leitung von Nikola Hübsch, selbst Geschichten zu erfinden und zu präsentieren.

Erzählen

ist ansteckend

Schulz betont: "Wichtiger Bestandteil des Projekts ist die Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Immer mehr von ihnen begeistern sich dafür." Haben sie doch nach anfänglicher Unsicherheit und Bedenken wegen verlorener Unterrichtsstunden etwa erfahren, wie enorm anregend sich das Geschichtenerzählen auf ihre Klassen auswirkt. Schulz: "Von Lehrerinnen und Lehrern höre ich immer wieder, wie erstaunt sie sind, an welche Details sich die Kinder beim Nacherzählen der Geschichten erinnern. Sie sagen, dass Kinder, die in Sprachstandtests zu Beginn des Projektes elementare Wörter der deutschen Sprache nicht verstehen konnten, hier ausgefallene Formulierungen hören lassen und die Verbformen grammatikalisch korrekt gebrauchen." Und: Geschichtenerzählen scheint ansteckend zu sein, wie Schulz berichten kann: Die Kinder schreiben immer häufiger Eigenes auf – Erlebtes oder Ausgedachtes – oder wollen es unbedingt vor der Klasse erzählen.

Das hat das Freiburger Amt für Schule und Bildung beeindruckt. So sehr, dass es das Budget prompt auf 70 000 Euro erhöht hat. Das heißt: Es können sich noch weitere Grundschulen bei EZW beteiligen.

HINTERGRUND

Erzählen, zuhören, weitererzählen

Erzählen, zuhören, weitererzählen (EZW) ist ein interkulturelles Projekt zur Erweiterung der Sprach- und Erzählkompetenz. Es bietet eine niedrigschwellige, lustvolle Begegnung mit der deutschen Sprache in Grundschulen. Professionelle Erzählerinnen und Erzähler erzählen in neun Freiburger Grundschulen mit hohem Migrationsanteil einmal wöchentlich interkulturelle Märchen, die in der Folgestunde von den Kindern nacherzählt und im Unterricht weiter thematisiert werden. Dadurch wird das Aufmerksamkeitsvermögen der Kinder gesteigert ihre Sprach- und Erzählkompetenz erweitert. EZW soll langfristig im Sinne einer ganzheitlich-, erlebnisorientierten Sprachförderung an der Grund- und Förderschule als fester Bestandteil des Unterrichts verankert werden. Insgesamt nehmen daran zurzeit 43 Klassen, 41 Lehrkräfte und 13 Erzählerinnen und Erzähler teil.

Die Freiburger Schulprojekt-Werkstatt
"Niemand ist engagierter, ernsthafter und kreativer als der spielende Mensch. Er erfährt sich und andere im Spiel und übt so Toleranz, Achtung und Flexibilität ein." Mit diesem Leitgedanken unterstützt die Freiburger Schulprojekt-Werkstatt (1978 als Freiburger Spielwerkstatt gegründet) den Bildungsauftrag aller Schularten und anderer pädagogischer Einrichtungen in Freiburg. Dazu bietet sie Beratung, Weiterbildung und Projekte in den Bereichen Darstellendes Spiel, Theater, Musik, Kunst, Tanz, Video, Gewalt- und Drogenprävention an und stellt Service- und Informationsangebote zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit den Schulen entwickelt sie individuelle, bedürfnisorientierte Konzepte, die sich nachhaltig in das jeweilige Schulprofil einfügen. Seit 2008 unter der Leitung von Christian Schulz, wird die Freiburger Schulprojekt-Werkstatt (FSW), eine Einrichtung des Amtes für Schule und Bildung, vom Land Baden-Württemberg gefördert.

 

Autor: blu 

Autor: Mechthild Blum