Zuviel Büro in der Pflege

Yvonne Weik

Von Yvonne Weik

Sa, 31. August 2013

Freiburg

Die Sozialstationen fordern mehr Zeit für die Patienten.

Wenn Sabina Hain-Roobs auf Pflegetour ist, dann geht’s um jede Minute. Genau sieben hat die Mitarbeiterin der evangelischen Sozialstation Zeit, um einer Patientin zuhause Medikamente und eine Insulinspritze zu geben, ihren Blutzucker zu kontrollieren und Thrombosestrümpfe anzuziehen. 9,04 Euro bezahlt die Krankenkasse dafür.

Zu wenig, sagen die Verantwortlichen der Freiburger Sozialstationen. Sie fürchten, in Zukunft die steigenden Kosten in der häuslichen Pflege nicht mehr refinanzieren zu können. Während beispielsweise die tariflichen Personalkosten um 17 Prozent gestiegen seien, hätten die Krankenkassen die Vergütung der Leistungen nur um acht Prozent erhöht. "Wir brauchen Unterstützung", sagt Rupert Niewiadomski, Geschäftsführer der katholischen Sozialstation. Und so nutzen die Sozialstationen den Wahlkampf, um für die Pflege Lobbyarbeit zu machen.

Sabine Hain-Roos war darum am Freitag etwas länger unterwegs. Sie hatte bei ihren Einsätzen in Haslach und Rieselfeld zwei Begleiter: Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach und den CDU-Bundestagskandidaten Matern von Marshall. "Die Leute hatten einfach viele Fragen zum Thema Pflege an sie", sagt Hain-Roobs. Zum Beispiel, warum die Schwestern so wenig Zeit für sie hätten.

Richtige Antworten zu finden fällt den Politikern nicht leicht, selbst im Wahlkampf. Müssen sie nicht, sagt Rupert Niewiadomski: "Wir wollen keine akademische Diskussion über das Pflegebudget." Viel wichtiger sei der Blick in die Praxis, den sich auch die Bundestagsabgeordneten Kerstin Andrea (Die Grünen) und Gernot Erler (SPD) und FDP-Stadtrat Nikolaus von Gayling nicht nehmen ließen.

Nach der Praxistour diskutieren Pflegekräfte und Politiker am Frühstückstisch in der Sozialstation an der Quäkerstraße: über Wundverbände und Einsamkeit, zu wenig Zeit und zu viel Bürokratie. Rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringe eine Pflegekraft für die Dokumentation und das Ausfüllen von Formularen. Viel zu viel, sagt Niewiadomski. Und erzählt vom Pilotprojekt, das die Freiburger und Bad Krozinger Sozialstationen mit der AOK Südlicher Oberrhein starten. Das Ziel: weniger Bürokratie für beide. "Diese Zeit kommt dem Patienten zugute und senkt Kosten", hofft Niewiadomski. Und, dass es weiter politischen Druck gebe. Denn nur so sei das Pilotprojekt entstanden.