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18. Januar 2010 16:03 Uhr

Ursachenforschung

Freiburger Hüftprothesen-Skandal: Schuldfrage offen

Hersteller oder Ärzte - wer hat Schuld am Debakel um fehlerhafte Hüftprothesen, die in Freiburg verwendet wurden? Auch nach einem halben Jahr wird der Schwarze Peter hin- und hergeschoben. Derweil gibt es neue Infos über Probleme mit dem Kunstgelenk.

  1. 300 Modelle stehen zur Auswahl: Hüftprothese im Röntgenbild. Foto: NICOLAS LARENTO

Alle sechs Monate holt Annette Maurer (Name geändert) der Freiburger Prothesenskandal wieder ein. "Schon wieder ist ein Röntgenbild notwendig, um zu überprüfen, ob mein künstliches Hüftgelenk nicht doch kaputt ist", klagt sie. "Ich lebe von einem halben Jahr auf das nächste ständig in der Ungewissheit, vielleicht doch noch operiert werden zu müssen. Das ist auf Dauer zu belastend."

Alle sechs Monate zum Röntgen

Erst im Herbst vergangenen Jahres hatte die 50-Jährige zu den Glücklicheren unter den insgesamt 770 Patienten gehört, denen im Freiburger Loretto-Krankenhaus ein möglicherweise fehlerhaftes künstliches Hüftgelenk eingebaut worden war – ihre Prothese hatte sich im Röntgenbild als harmlos entpuppt. 99 Betroffene hatten mehr Pech. Bei ihnen wurde das Kunstgelenk wieder entfernt, weil sich Teile gelockert hatten und der abgefeilte Metallstaub Löcher in den Knochen fraß. Da es aber auch bei Patienten mit unauffälligem Bild möglich ist, dass sich das Gelenk doch noch als problematisch entpuppt, muss Annette Maurer alle sechs Monate wieder schwitzen.

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Schuldfrage weiter ungeklärt

Wer Schuld an dem Desaster hat, ist auch nach einem halben Jahr nicht geklärt. Noch fehlen der zuständigen Überwachungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz Bfarm, für die Beantwortung dieser Frage wichtige Untersuchungsergebnisse. Eine Marktrücknahme der Kunstgelenke erwägt das Bfarm bislang nicht, alle anderen Versuche der Behörde, Patienten beispielsweise durch zusätzliche Überwachungsmaßnahmen vor den Problemprothesen zu schützen, werden vom schweizerischen Pendant ausgebremst.

Da Zimmer den europäischen Firmensitz im Nachbarland hat, hat das Veto der dortigen Kollegen Gewicht. Und bisher teilt die Schweizer Behörde die Einschätzung des heimischen Unternehmens: Ein Produktfehler ist nicht zu erkennen – also liegt die Schuld beim Arzt, der das Kunstgelenk falsch eingebaut hat. "Uns fehlen bisher die Beweise, um das Gegenteil zu belegen", so Dirk Wetzel, Leiter der Abteilung Medizinprodukte des Bfarm.

Redigieren statt vom Markt nehmen

Das enttäuschende Ergebnis: Zimmer wurde nur das Versprechen abgenommen, die Chirurgen in der Anwendung der problematischen Metasul-LDH-Großkopfprothese und der Durom-Pfanne nachzuschulen. Außerdem soll die Gebrauchsanleitung nachgebessert werden.
Vor allem die Wirksamkeit der letzten Maßnahme ist zweifelhaft. Der Badischen Zeitung liegen drei verschiedene Versionen von Durom-Operationstechnik-Beschreibungen verschiedener Jahrgänge vor – und in jeder wird die Verwendung der Prothese anders beschrieben. Welcher Chirurg soll eine "derart frei-flottierenden Gebrauchsanweisung" – wie sie ein Experte nennt – noch ernst nehmen und sich nach ihr richten.

"Es ist nicht unüblich, dass von Zeit zu Zeit Aktualisierungen oder Klarstellungen zu solchen Anleitungen erfolgen", so die Firma Zimmer. Zum damaligen Zeitpunkt hätten die zuvor veröffentlichten Operationstechniken die bestmöglichen verfügbaren Informationen widerspiegelt. Rechtlich wäre ein Arzt sogar dazu verpflichtet gewesen, jeder dieser unterschiedlichen Anleitungen zu folgen.

Neues aus Australien

Gegen einen Erfolg des bisherigen Sicherheitskonzepts sprechen auch neue Nachrichten aus Übersee: "Aus Australien liegen uns relativ besorgniserregende Daten vor, laut denen Durom-Prothesen statistisch signifikant häufiger gewechselt werden müssen", sagt Gerold Labek, Registerkoordinator von Efort, der europäischen Orthopädenorganisation. Ähnliche Probleme wurden auch aus den USA berichtet. Dort hat Zimmer die Durom-Pfanne freiwillig vom Markt genommen – in Europa hielt man das nicht für notwendig. Dennoch: "Von uns Chirurgen werden Durom-Prothesen inzwischen nicht mehr gekauft oder verwendet", sagt ein Experte. Immerhin.

Autor: Michael Brendler