Abdel-Hakim Ourghi

Freiburger Religionspädagoge schreibt Plädoyer gegen Kopftuch

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 09. September 2018 um 15:49 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Abdel-Hakim Ourghi hat erneut ein gewagtes Buch geschrieben. "Ihr müsst kein Kopftuch tragen" ist ein leidenschaftlicher Appell des Freiburger Religionspädagogen an Musliminnen, ihre Freiheit zu verteidigen.

Abdel-Hakim Ourghi hat erneut ein gewagtes Buch geschrieben. "Ihr müsst kein Kopftuch tragen" des islamischen Religionspädagogen aus Freiburg ist ein leidenschaftlicher Appell an Musliminnen, ihre Freiheit zu verteidigen und sich emanzipiert einem "unterdrückerischen" Dress-Code zu verweigern. Der gebürtige Algerier Abdel-Hakim Ourghi, der an der Pädagogischen Hochschule Freiburg den Fachbereich Islamische Theologie leitet, wird sich wahrscheinlich erneut Ärger einhandeln. Denn mit der ihm eigenen Verve und Überzeugung legt er kommende Woche eine polemische Schrift vor, die provozieren will und wird.

Zuallererst fromme Musliminnen, denen er zuruft, es gebe keinen einzigen rechtfertigenden Grund – weder religiös, kulturell, ethisch oder sozial – um das Kopftuch zu tragen oder sich zu verschleiern. Indes führt Ourghi aus seiner Sicht besonders gewichtige Argumente ins Feld, um einer Emanzipierung muslimischer Frauen Breschen zu schlagen. Das Ablegen des Kopftuchs ohne Schuldgefühle gehöre seiner Ansicht nach unbedingt dazu.

Kann die Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, wirklich freiwillig sein?

Einem etwaigen Missverständnis sollte dennoch vorab entgegengetreten werden: An keiner Stelle spricht Ourghi, der das Buch mit dem Untertitel "Aufklären statt verschleiern" seiner Mutter widmet, einem säkularen Furor das Wort, laut dem auf "demokratischem Terrain" das muslimische Kopftuch zu verbieten sei. Jede Frau, die es freiwillig trage, so der Autor, dürfe es tun – wo auch immer.

Nur: Ourghi behauptet, die muslimischen Realitäten und Strukturen so gut zu kennen, dass die freiwillige Entscheidung zum Kopftuch nahezu überall fragwürdig bleibe. Sein Text bringt dafür zahlreiche Beispiele: Mädchen und Frauen, Irakerinnen und Algerierinnen, Migrantinnen und europäische Konvertitinnen lässt Ourghi erklären, warum sie das Kopftuch tragen. Danach macht er sich bilanzierend seine eigenen traurigen Gedanken: Meist seien es Angst vor Sanktionen oder die patriarchalische Unterdrückung, die Mädchen und Frauen dazu bringen, ihr Haupt oder Gesicht zu verdecken. Fragwürdig bleibt für ihn die Entscheidung "pro Kopftuch", sogar wenn sie aus Solidarität mit anderen Frauen oder – wie oft bei Konvertitinnen – aus "Liebe zum Ehemann" getroffen wird.

Ein Symbol tiefer und echter Frömmigkeit?

Verfolgung und Strafen, so argumentiert Ourghi, verpflichten zu Freiheit und Ungehorsam, kollektiver Zwang fordere geradezu die kritische Vernunft heraus: gegen das Kopftuch. Ourghi zitiert die islamische Wissenschaftlerin Nilüfer Göle, die sagt, das Kopftuch bringe die Frau näher zu Allah. Um dann zu kontern, dass auch in der islamischen Theologie Gott nicht auf das Äußere blicke, sondern in die Herzen der Menschen.

Wie schon in seiner sehr kontrovers rezipierten Schrift "Reform des Islam: 40 Thesen" provoziert Ourghi auch in seinem Kopftuch-Buch erneut die islamischen Verbände in Deutschland, die er im Dienst konservativ-islamischer Staaten wähnt, und warnt vor einer politischen Islamisierung in Europa.

Dass man ihm vorwerfen wird, er bereite "geistigen Boden" für Islamophobie, ist sich Ourghi mehr als bewusst. Unverblümt schreibt er, dass er in der deutschen Debatte auf der Seite jener stehe, die behaupten, dass Muslime selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft seien, aber die geistige Ablehnung eines politischen und nichtreformierten Islam in Europa legitim sei.

Für Letzteren stehe das Kopftuch, meint Ourghi, und es sei keineswegs ein Symbol tiefer und echter Frömmigkeit. Sondern vielmehr ein beklagenswertes Fanal gegen Selbstreflexion, die Freiheit des Individuums und nicht zuletzt gegen die "westliche Freizügigkeit". Es zwinge, so Ourghi, muslimische Mädchen und Frauen nicht nur in eine Gesichtslosigkeit, sondern in ein fatales "Anderssein", das ihnen die soziale Integration in westlichen Ländern erheblich erschwere.
Abdel-Hakim Ourghi: Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt verschleiern, Claudius Verlag München, 16 Euro