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21. April 2015 00:00 Uhr

Stadtverwaltung

Freiburgs neuer Stadtteil: Entscheidung fällt für Dietenbach

St. Georgen-West ist aus dem Rennen: Der neue Freiburger Stadtteil soll im Gebiet Dietenbach entstehen. Auf einer Fläche von insgesamt rund 98 Hektar ist Wohnraum für 11.500 zusätzliche Einwohner geplant.

  1. Wo heute noch Äcker gepflügt werden, soll der neue Stadtteil Dietenbach stehen. Foto: Ingo Schneider

Zwischen 2020 und 2023 sollen die Bauarbeiten beginnen. Der ebenfalls einer Vorprüfung unterzogene Standort St.Georgen-West wird nicht weiterverfolgt, weil eine Grünzäsur die Baufläche zu klein gemacht hätte. Das zuletzt in die Diskussion rotierte westliche Rieselfeld sei wegen der rechtlichen Festsetzungen zum Naturschutz kein Thema. OB Dieter Salomon sprach von einer "absurden Debatte" (Kommentar).

Die Dietenbach-Niederungen nördlich des Stadtteils Rieselfeld besetzen schon länger die Pole-Position als Standort für das künftige Freiburger Wohnquartier. Stadtspitze und Gemeinderat sehen keine andere Chance, um in einer weiter wachsenden Stadt den benötigten Wohnraum zu schaffen. "Wir brauchen aus sozialen Gründen dringend den neuen Stadtteil", so Oberbürgermeister Dieter Salomon.

Neben dem Gebiet Dietenbach hat die Stadtverwaltung parallel zwei Jahre lang auch St.Georgen-West unter die Lupe genommen. Doch diese Fläche scheidet aus, wie Annette Schubert, Leiterin der zuständigen Projektgruppe, erläuterte: Regionalverband und Regierungspräsidium hätten deutlich gemacht, dass aus dem heutigen Grünzug am Rand von St. Georgen eine Grünzäsur mit höherem Schutzstatus werden soll.

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Erste Testentwürfe erstellt

Die Baufläche wäre dadurch zu klein geworden. Unterm Strich wäre bei St. Georgen-West eine Nettobaufläche von 18 Hektar herausgekommen; bei Dietenbach werden es 54 Hektar sein. Weitere Minuspunkte sammelte St. Georgen-West durch Straßenlärm, Hochwasserproblem und Stromtrassen, die mitten durchs Gebiet führen und nicht wie in Dietenbach am Rand liegen.

Erste Testentwürfe hat die Verwaltung für den neuen Stadtteil erstellt, der sich an der Rieselfelder Nachbarschaft orientiert. Zu 70 Prozent ist Geschosswohnungsbau vorgesehen, 5000 zumeist familiengeeignete Wohneinheiten sollen bis zum Jahr 2040 errichtet werden. Entlang von B31 und Besançonallee gibt es Lärmschutz. Die Verkehrserschließung des Gebiets erfolgt von der Besançonallee aus. Die Straßenbahn fährt über eine Schienenverlängerung via Bollerstaudenweg nach Dietenbach.

Größte Herausforderung ist der Schutz vor Hochwasser. Der schmale Dietenbach soll ausgebaut werden und als mäandernde Auenlandschaft quer durchs neue Quartier führen. Das hat von oben betrachtet die Form einer Schildkröte. Deren "Kopf" wird ein Grünzug bleiben. Der Gemeinderat soll nun am 19. Mai das Dietenbach-Votum fällen. Nach dem Jahr 2020 könnten dann die Bagger rollen, prognostiziert Baubürgermeister Martin Haag. Die Vorkaufssatzung für St. Georgen-West ist nun jedenfalls aufgehoben.

Stadt rechnet mit Enteignungen

380 Grundstückseigentümer gibt es im Gebiet Dietenbach. Drei Euro je Quadratmeter sei das Ackerland wert, gutachterlich festgelegter Kaufpreis der Stadt sind 15 Euro, plus 10 bis 20 Prozent Beschleunigungszuschlag. "Mehr werden wir nicht bieten", sagt Baubürgermeister Haag. Dass viele Eigentümer höhere Preise fordern und dass man "um die eine oder andere Enteignung" (Haag) nicht herumkommen wird, weiß man im Rathaus. Die Stadtverwaltung hofft aber, möglichst viele Eigner überzeugen zu können.

Und dann ist da noch das westliche Rieselfeld, das zuletzt von mehreren ehemaligen und hochrangigen Rathausmitarbeitern wieder ins Spiel gebracht worden war. Als "skurril und absurd" bezeichnete OB Salomon die Debatte, auf die im Übrigen keine einzige Ratsfraktion eingestiegen sei. "Dass ein Naturschutzgebiet für ein Wohngebiet aufgehoben wurde, gab es in ganz Deutschland noch nicht", so Salomon. Rechtlich sei nichts zu machen. In dem Gebiet lebten 30 bis 40 Rote-Liste-Arten.

"Freiburg kann
stolz auf das
Naturschutzgebiet sein."

Oberbürgermeister Dieter Salomon
Freiburg könne stolz sein auf dieses Naturschutzgebiet. Es sei damals auch richtig gewesen, diesen Schutzstatus umzusetzen, so Salomon. Man könne auch nicht einfach die Naturschutzgebiete hin- und herswitchen, sagte er mit Blick auf den Vorschlag, dann eben einfach Dietenbach unter Naturschutz zu stellen.

"Vielleicht geht es um Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache", mutmaßte OB Salomon über den Rieselfeld-Vorstoß der Ex-Rathausmitarbeiter. Er wolle aber nicht der Knigge-Schiedsrichter sein, jeder müsse für sich selbst entscheiden, zu was er sich äußere. "Wenn ich einmal nicht mehr im Amt bin und es nicht schaffe, zu Dingen, die mein Nachfolger entscheidet, die Klappe zu halten – dann muss ich wegziehen. Sonst fände ich das unanständig."

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Autor: Joachim Röderer