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06. Februar 2012

Bildtafeln und Variationen des Tafelbilds

Kunstrundgang: Weinberger im Basler Museum für Gegenwartskunst, Goldbach bei Gisèle Linder, Roux in der Mairie Saint-Louis.

Ein lapidares Spiegelportrait ist aus der "Artist in Residence"-Einladung geworden, die die französische Fotografin Camille Roux ins elsässische Saint-Louis gelockt hat. Je zwei direkt gegenüberliegende Seiten eines Straßenstücks stellt die Künstlerin in einem Rahmen nebeneinander. 17 solcher Spiegelportraits bilden jetzt in der Mairie Saint-Louis eine kleine Ausstellung mit großem Namen: "Route 66". Keine Frage, dass der die USA diagonal von Chicago an die Westküste querende Highway gleichen Namens berühmter ist. Auch er führt seinerseits an Saint-Louis vorbei, wenngleich an der Stadt im Staate Missouri.

Die einstige "Route royale No. 66" durfte sich indes ihrerseits als etwas Besonderes fühlen. Verband sie doch Basel mit Paris und machte die 1684 vom Sonnenkönig Louis XIV gegründeten Elsässer Zollstation Saint-Louis zum Eingangstor nach Frankreich. Camille Roux hat sich jetzt auf ein Teilstück der heutigen "Route départementale 66" konzentriert, die sieben Kilometer lange Strecke zwischen dem Ortseingang Saint-Louis Neuweg und dem Grenzübergang in die Schweiz. Die fotografischen Gegenüberstellungen machen aus der Stadt etwas austauschbar Belebtes. Hier sind keine städtebaulichen Sternstunden verewigt, sondern kleinstädtischer Alltag, den es so überall geben könnte. Die Drehung der Fotografin auf der Stelle nimmt den Blick auf die jeweils andere Straßenseite als eine Art Sehen und Gesehenwerden dazu. Durch die doppelte Hintertür schaut so auch der vielbesungene Highway wieder herein.

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Mit mehr als nur musikalischem Bezug auf das Lebensgefühl der 1960er Jahre, mit Reminiszenzen an Elvis Presley und James Dean und sattem Harley-Davidson-Sound streift die "Route 66" derzeit auch das Basler Museum für Gegenwartskunst. Von großer Freiheit und dem echten Highway können die Porträtierten sowohl im gezeigten Dokumentarfilm als auch auf den Fotoserien des Zürcher Fotografen Karlheinz Weinberger (1921-2006) aber wieder nur träumen. Wird doch der "Easy Rider"-Mythos von umliegenden Bergpanoramen alpenländisch konterkariert. In den späten 1950er und -60er Jahren fängt Weinberger mit der Kamera eine unangepasste Generation ein, deren martialische Gürtelschnallen oder bewusst mit groben Stichen oder Sicherheitsnadeln zusammengehaltenen Jeans für eine anderes Schweizbild stehen.

Weinberger war als Fotograf Autodidakt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Lagerist. Viele seiner Portraits veröffentlichte er jedoch unter Pseudonym in der von 1943 bis 67 Zürcher Homosexuellen-Zeitschrift "Der Kreis". Frühe poetische Bilder zeigen Fischer, Fassträger oder Zeitungsleser in Marokko und Tunesien aber auch Altarjungen auf Sizilien. Später kommen Genreszenen in Zürcher Milieu- und Rockerkreisen dazu. Unter dem Titel "Intimate Stranger" hat das New Yorker Swiss Institute (of) Contemporary Art die Ausstellung konzipiert. Die Kollision von Fremdsein und Nähe beschwört dabei nicht allein der allem Unangepassten vertraute Blick des Fotografen. Zumal außerhalb der Schweiz sind es auch die Insignien einer globalen Gruppenzugehörigkeit, die auf ureidgenössische Ortsangaben stoßen, wie "Albisgütli" oder "Knabenschießen".

Einen Türspalt zur großen Kunstgeschichte öffnet abschließend die Ausstellung des Fotografen Philipp Goldbach, die die Basler Galerie Gisèle Linder aktuell zeigt. Der 1978 geborene Kölner nimmt für einen Werkzyklus den Begriff des Tafelbildes wörtlich. Mit der Kamera hat er berühmte Universitäten und ihre Hörsäle durchwandert und deren Wandtafeln zum Sujet erhoben. Daraus entstanden sind einerseits geometrisch flächige Kompositionen aus Tafelschiefer, Katheder und rückseitig hölzernen Stuhllehnen. Andererseits wird durch die Assoziation zur Ikone als von der Wandmalerei verselbständigtem Abbild christlichen Glaubens die Tafel zum Bildungsaltar. Das gilt zumal in von Geschichte umflorten deutschen Hochschulen, wie der Berliner Humboldt-Universität.

Goldbach ist weiter gereist. In der lehrhistorischen Abteilung an der Universität Hamburg hat der vielfach prämierte Fotograf, der neben Design zusätzlich Kunstgeschichte, Soziologie und Philosophie studiert hat, auch eine mobile Klapptafel aufgetan, die halb Schiefergrund, halb moderner Flipchart ist und den mehrteiligen Flügelaltären klassischer Bildung eine nicht am Kirchenjahr orientierte verschließbare Variante hinzufügt. Dargestellt ist schließlich nicht allein die Komposition aus Predella oder Sockel und zwei- oder dreiflügligem Retabel. Einen eigenen Wert bekommt hier auch das bruchstückhafte, nach flüchtigem Auswischen Übriggebliebene, dem seinerseits in nahezu endloser Wiederholung andere Erinnerungsfetzen von Gedanken oder Lehrmeinungen vorausgegangen sind und noch folgen werden.
– "Route 66", Rathaus St. Louis, bis So 18. März, Mo-Do 8-12 + 13.30-17.30, Fr 8-16.30, Sa 10-12.
– "Karlheinz Weinberger" Museum für Gegenwartskunst Basel, bis So 15. April, Di-So 10-18 Uhr. "Philipp Goldbach: Tafelbilder"
– Galerie Gisèle Linder, Elisabethenstraße 54, Basel, bis Sa 3. März, Di-Fr 14-18.30 + Sa 10-16 Uhr.

Autor: Annette Mahro