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19. Juli 2012
Das Britische Museum feiert William Shakespeare
Die ganze Welt auf der Bühne: Das Britische Museum feiert William Shakespeare.
Leider – die Begegnung mit dem liebenswürdigen alten Herrn ist im Eintrittspreis nicht inbegriffen. Sonny Venkatrathnam hat die beschwerliche Reise nach London nur auf sich genommen, um an diesem Mittwoch die Eröffnung einer neuen Ausstellung mitzufeiern. Schließlich hat der einstige politische Häftling dem British Museum eines der wichtigsten Exponate, jedenfalls das anrührendste zur Verfügung gestellt: eine Gesamtausgabe der Werke William Shakespeares, das einzige Buch, das ihm das Apartheid-Regime Südafrikas während seiner Gefängniszeit auf Robben Island erlaubte.
Aufgeschlagen liegt das Buch, auch Robben Island Bibel genannt, in einer Vitrine, es ist die Stelle der zweiten Szene im zweiten Akt von Julius Caesar. "Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt / die Tapfern kosten einmal nur den Tod", steht da, und daneben in schwarzer Schrift: NRD Mandela, 16.12.77. "Ich wollte meine Mitgefangenen teilhaben lassen an meinem Buch", erzählt Venkatrathnam, "da habe ich sie gebeten, die Stelle zu markieren, die ihnen am wichtigsten war." 32 Genossen trugen sich ein, darunter auch der spätere Staatspräsident Nelson Mandela. Und die Lieblingsstelle des Besitzers? Da lächelt Venkatrathnam freundlich: "Ich mag den ganzen Shakespeare."
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Mit dem größten Dramatiker und Dichter englischer Sprache hatte sich der politische Häftling die Welt ins Gefängnis geholt – so wie Shakespeare vor gut 400 Jahren die Welt auf die Bühne hievte. Was Computer und Internet heute per Mausklick bieten, war für die weitgehend illiteraten Londoner der Spätrenaissance nur im Theater zu haben – oder in der Kirche: Ansichten ferner Länder, eine Interpretation der Geschichte, die Auseinandersetzung mit der Tagespolitik.
Ein Besucher der Metropole von damals 200 000 Einwohnern notierte 1599: "Man sagt, London liege nicht in England, vielmehr England in London." Zunehmend aber kam weit mehr als nur England nach London. Handel und Tourismus, die Anfänge des Empire brachten immer neue Begegnungen mit der Außenwelt. Die Forschung ist sich beinah sicher darin, dass der Meister England nie verlassen hat. Wozu auch? Die Welt kam ja nach London.
Eine Sensation stellte beispielsweise 1600 der Besuch von Abd el-Ouahed ben Masaoud ben Mohammed Anoun dar. Ein halbes Jahr antichambrierte der Botschafter des Königs der Berber (heute Marokko) am Hofe Elizabeths I., um ein Bündnis mit der Protestantin gegen das katholische Spanien zustande zu bringen. Als Mitglied der Königlichen Theatergruppe dürfte Shakespeare für die hohen Besucher aufgetreten sein. Ob der marokkanische Botschafter später das Vorbild gab für Othello, den "tapferen Mohren"?
Vor dem Gemälde des bärtigen Diplomaten stehen stolz Jonathan Bate und Dora Thornton im berühmten früheren Lesesaal der British Library, der heute als Ausstellungsstätte dient. Gemeinsam haben die Renaissance-Spezialistin am British Museum und der Oxforder Literaturprofessor die Ausstellung konzipiert und in jahrelanger Arbeit zusammengetragen. "Wir wissen nicht viel über Shakespeare selbst", räumt Bate ein. "aber eine ganze Menge über die Welt um ihn herum, die ihn beeinflusst hat."
Davon handeln die kostbaren Objekte. Der faszinierende Wandteppich der Grafschaft Warwickshire zeigt Shakespeares unmittelbare Heimat und repräsentiert "eine neue Betonung von Regional- und Nationalbewusstsein" (Bate), von der England zu jener Zeit ergriffen war. Die Goldmünze "Iden des März", geprägt von Brutus zur Feier des Mordes an Julius Cäsar, spielt an auf die genaue Kenntnis der Geschehnisse im Altertum, die unter Shakespeares Zuschauern verbreitet war. Die Ausstellung behandelt auch schwieriges Terrain: Die Liebesbeziehung der Ägypter-Königin Kleopatra mit dem Römer-General Mark Antonius wies allzu offensichtliche Parallelen mit der Königin und ihrem Liebhaber, dem Grafen von Essex, auf. Ein Zeitgenosse vernichtete sein Kleopatra-Manuskript, Shakespeare brachte sein eigenes Stück erst nach dem Tod Elizabeths auf die Bühne. "Er hatte gewiss sehr feine politische Antennen", glaubt Professor Bate.
Schließlich die Robben Island-Bibel. "Sie sagt so viel darüber aus, was Shakespeare bis heute bedeutet", schwärmt Dora Thornton. "Wir sind sehr glücklich, das Buch zeigen zu dürfen." Und da lächelt Sonny Venkatrathnam still in sich hinein.
– Ausstellung bis 25. November.
Autor: Sebastian Borger



