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21. Januar 2012
Der Schatten der Artischocken
Die Dada-Surrealismus-Ausstellung im Musée Fernet-Branca in Saint-Louis.
Artischocken, die lange Schlagschatten werfen, links und rechts gerahmt von unverbindlich in die Landschaft ragenden Arkadengängen und am Horizont eine Dampflok, die pittoreske Wölkchen in den langsam sich eindunkelnden Himmel pustet: Ein Giorgio de Chirico, wie er im Buche steht, begrüßt die Besucher gleich zu Beginn. Der Meister, bei dem man sich diesbezüglich nie ganz sicher sein konnte, hat ihn auf 1916 datiert. Alberto Savinio, der sehr viel weniger bekannte Bruder des Vorläufers der Surrealisten und Erfinders der Pittura Metafisica, darf nebenan eine weniger geradlinige Komposition beisteuern. Eine Transparence mit Pferdeköpfen von Francis Picabia zieht die Blicke an der linken Wand auf sich.
Der "Surréalismus in Paris" geht dieser Tage in der Riehener Fondation Beyeler zuende, "Chassé-Croisé Dada-Surréaliste 1919-1969" hat im Musée Fernet-Branca in Saint-Louis eben erst angefangen und fasst das Thema noch etwas weiter. Eine Collage aus Dada- und Surrealistenbewegung nennt der Essayist und Ausstellungsmitkurator Georges Sebbag die Elsässer Fortsetzung des Beyeler-Auftakts, die jetzt rund 200 Werke von nicht weniger als 98 Künstlern versammelt und mit der Basler Museumsnacht eröffnet wurde. "Chassé-croisé" meint hier ein Kommen und Gehen. Zwar hat die Ausstellung einen guten Teil ihres Pulvers schon mit den "Références" im ersten Raum und zumal diesem eindrücklichen de Chirico verschossen, aber es lohnt sich trotzdem, mit offenen Augen weiter durchs Haus zu laufen.
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Zu entdecken gibt es etwa die "Reina con cabezza de perro", die Königin mit Hundekopf, mit der der Mexikaner Alberto Gironella noch 1961 Diego Velasqez' Infantinnenportraits und die berühmten "Las Meninas" von 1656 um eine weitere sehenswerte Variante bereichert und ins 20. Jahrhundert holt. Im Saal der sechzehn Surrealistinnen warten Begegnungen mit Leonora Carrington, Dorothea Tanning, Kay Sage aber auch Meret Oppenheim, die die Künstlerinnen gleichsam rehabilitiert. Verbinden sich mit den drei Erstgenannten doch vor allem die Namen ihrer Lebensgefährten Max Ernst und Yves Tanguy. Aus den 1960er Jahren stammen zwei richtungsweisende Vogelpastelle des Kubaners Wifredo Lam, aus den 1950ern surreal belebte Maschinenbilder des Chilenen Roberto Matta.
Dada hatte einst alles in Frage gestellt, nicht zuletzt auch den Künstler als Urheber, was etwa Matta in seinem "absoluten Automatismus" manifestiert sehen wollte und später auch Jean Tinguely mit seinen Malmaschinen wieder aufnimmt. Eine weitere Variante waren die sogenannten "Cadavres exquis", in denen, angelehnt an ein Spiel mit gefaltetem Papier, ein Bild von mehreren Künstlern weitergemalt wird. Der Rumäne Victor Brauner denkt das Schema surreal weiter, etwa in seinem in verschiedene Ebenen zerlegten "Deserteur" von 1932, der als Bild indes nur einen einzigen Urheber hat. In der Ausstellung, die auf eine Sammlung eines Pariser Leihgebers zurückgeht, der anonym bleiben möchte, versteckt sich zwischen großen Namen auch so manche Entdeckung.
Sehr sehenswert ist etwa Georges Malkines "Emotion" von 1927, von dem sich eine gerade Linie zu René Magritte ziehen lässt, während Hans Richters "Dada head variation Arp" von 1958 auch eine Verneigung vor Alexej von Jawlenskys vielfach variierten abstrakten Köpfen ist, den Effekt aber noch meisterlich mit einer zarten Collage überhöht. Vielleicht weil das Ganze auch didaktisch als Einführung in die jüngere Kunstgeschichte gemeint ist, gilt es, bewusst oder unbewusst eingebaut, übrigens ganz zum Schluss auch einen kleinen Fehler zu entdecken. Einmal mehr verdient sich eine Ausstellung des Musée Fernet-Branca das Prädikat "Sehenswert".
– Bis So 1. Juli, Musée Fernet-Branca, Saint-Louis, Mi-So 14-19 Uhr
Autor: Annette Mahro
