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12. Januar 2012
Die andere Seite des American Way of Life
Nina Bermans Fotos illustrieren die Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft: Ausstellung im Freiburger Carl-Schurz-Haus.
Ein kleiner Bub, noch keine zehn Jahre alt, auf dem Kopf ein Paar überdimensionierte Ohrenschützer, steht am Rande eines Waldes und hält ein monströses Schnellfeuergewehr im Anschlag – ein hilfsbereiter Marinesoldat zeigt dem neugierigen Knirps, wie man die Waffe richtig bedient.
Man muss sich schließlich verteidigen. Denn der Feind lauert überall. Sagt mancher Amerikaner. Seit dem 11. September 2001 gilt dies mehr als je zuvor. Nach dem islamistischen Attentat von Manhattan haben die USA aufgerüstet – im Großen wie im Kleinen. Die Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft hat eine bizarre Entwicklung genommen, wie die in New York lebende Nina Berman mit ihren eindrucksvollen Bildern von der anderen Seite des American Way of Life zeigt. Die preisgekrönte Dokumentarfotografin hat sich in Armeecamps, Truppenstützpunkten und auf der Straße umgesehen und die Amerikaner dabei beobachtet, wie sie – anscheinend ganz unbefangen – mit allerlei furchterregenden Waffen im Alltag umzugehen pflegen. Bermans Fotos sind jetzt in der Ausstellung mit dem Titel "Homeland" im Freiburger Carl-Schurz-Haus zu sehen. GWOT heißt das Zauberwort, mit dem sich viele Amerikaner seit 9/11 beschäftigen: Global War On Terror. Und dagegen muss man sich schützen, das zeigen zumindest Bermans Dokumente aus den Großstädten und aus der US-Provinz. Da ist der Schäferhund, der begleitet von zwei Polizisten, seinen "Dienst" versieht – eingepackt in eine kugelsichere Kevlar-Weste mit der grellfarbenen Aufschrift "Sheriff". Da ist das kleine – vielleicht – siebenjährige Mädchen, das auf einer Plastikdecke im Gras sitzt und dabei zusieht, wie eine lärmende Hubschrauberstaffel das Gelände überfliegt. Kurioses Freizeitprogramm mit Familienausflug am All-American-Day.
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Und da ist der Time Square in New York, der eigentlich ganz unmartialisch als ein Platz des schnöden Kommerzes mit seiner Neonreklame bekannt ist. Genau dort fotografierte Berman staunende Jugendliche, die sich die von Soldaten am Straßenrand aufgebauten automatischen Armeegeschütze zeigen lassen. So wachsen junge Patrioten heran.
"In jeder Minute plant ein islamistischer Terrorist eine Attacke auf dich – sagt der Präsident". Das Zitat, das dezent zwischen den ausgestellten Fotos platziert wurde, könnte die allgegenwärtige Furcht der US-Amerikaner vor neuen Anschlägen verständlich machen. Heimatschutz wird deshalb inzwischen ganz groß geschrieben in den USA. Und dieser muss geübt werden – wie auf den süffisant kritischen Fotos von Nina Berman unschwer zu erkennen ist: Etwas befremdend wirkt das Bild, wo deutlich angegraute Rentnerinnen mit Mundmasken sich an der Simulationsübung einer nuklearen Islamisten-Attacke beteiligen.
Schlicht etwas komisch erscheint auch das Foto, das ein Schaufenster eines Geschäftes in New York zeigt, wo auf lebensgroße Figuren drapierte Gasmasken und einschlägiges Selbstverteidigungsgerät zum Verkauf angeboten werden. Ein Shop, den man hierzulande lange suchen müsste.
– Carl-Schurz-Haus, Eisenbahnstr. 62, Freiburg. Bis 9. Februar, Montag bis Freitag 10–18 Uhr.
Autor: Wolfgang Grabherr
