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23. Januar 2012
Die Jungfrau im Schautresor
Hans Holbein des Jüngeren berühmte Madonna: Von Reinhold Würth gekauft und jetzt in Schwäbisch Hall zu sehen.
Bausparkasse, Freilichtspiele und eine Altstadt von der Art, die man malerisch nennt. Reinhold Würth, Unternehmer und tatkräftiger Kunstfreund, hat bewirkt, dass, wer heute Schwäbisch Hall sagt, an noch manch anderes denkt. Nun hat die Kunststadt, Würth sei Dank, eine allergrößte Attraktion. In der Johanniterhalle, nicht weit von der Kunsthalle Würth und nah der Kocherbrücke, hat die Darmstädter Madonna des Malers Hans Holbein des Jüngeren (1497–1543) eine neue Bleibe gefunden. Die Halle, die einmal Kirche war, ist es mit dem Einzug der Muttergottes dem Namen nach wieder: Das 2008 eröffnete Würth-Museum für Alte Meister heißt nun Johanniterkirche.
Die Meldung vom Kauf des frühen Hauptwerks des jüngeren Holbein war eine Sensation im Juli 2011. Kaufpreis: mutmaßlich 50 Millionen Euro. Es gibt nur einen im Land, der zu sowas in der Lage ist und willens genug. Reinhold Würth. Die hochadlige Erbengemeinschaft Hessen wollte die Madonna zu Geld machen. Das Frankfurter Städel Museum, an das die Hessische Hausstiftung sie zuletzt ausgeliehen hatte, wollte es kaufen, konnte aber die Forderungen nicht erfüllen. Der Kunstvermittler Christoph Graf Douglas brachte Würth ins Spiel. Und die Sache nahm eine Wende. Der Helfer machte sich selbstständig, überbot das vom Städel gebildete Konsortium. Der Mäzen war doch zu sehr selbst Sammler.
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Von Schwäbisch Hall als neuem Madonnenstandort war schon gleich die Rede gewesen. Am Sonntag war das große Fest zum Einzug. Ab Dienstag soll jeder sie sehen, die zur Schwäbisch Haller gewordene Darmstädter Madonna. In der Johanniterkirche unter den altdeutschen Bildern, die Reinhold Würth durch einen früheren mäzenatischen Kraftakt an den Kocher brachte. Mit dem Ankauf hatte er den Erhalt der Donaueschinger Sammlung des Hauses Fürstenberg gesichert. Ein Kernstück aber war verloren: Der Bildzyklus der Grauen Passion von Hans Holbein dem Älteren ging an die Stuttgarter Staatsgalerie. Die Madonna des großen Sohnes ist nun viel mehr als nur ein Ersatz. Eine deutsche Sixtinische Madonna hat man sie genannt – mit dem Blick auf Raffaels Werk in Dresden. Und da hing sie einst auch als dessen Pendant. Genauer gesagt, ihr Double hing da, das man fürs Original hielt. Ein dreister Kunsthändler hatte Holbeins Gemälde kopieren lassen und gleich zweimal verkauft.
Gemalt wurde die echte Madonna 1525/26 und 1528 vom jungen Holbein in Basel. Wie bei der Solothurner Madonna mischt sich hinein, was er künstlerisch aufnahm. Eine Italienreise ist nicht verbürgt, aber als er daran ging, für den Basler Jacob Meyer nun dieses neue Marienbild zu entwerfen, war er in Frankreich gewesen und hatte im Umkreis des Königshofs italienische Malerei gesehen. Den hohen Stil der Italiener misst er sich an, wie den Naturalismus der Niederländer. Mit den flankierenden Figuren, den Porträts der Familie Meyer, schließt er an ihm vertraute Stifterbildnisse an, mit der Madonna an die italienische Renaissance.
Ein leonardeskes Gesicht möchte man ihr attestieren, der Schutzmantelmadonna und Himmelskönigin mit der Kaiserkrone. Jacob Meyer zum Hasen stellt sich mit ihr in dem der Reformation geöffneten Basel als "Altgläubiger" dar. Der kühle Maler Holbein, der nicht lange vorher seinen schockierend toten Christus gemalt hatte, dem man die Auferstehung kaum glauben mag, malt hier ein anrührendes Glaubensbekenntnis. Ein Bild, das vielstimmig von Zuwendung spricht. Mit diesem Christuskind, das sich nicht nur an die Mutter anlehnt, sondern mit einer segenspendenden Geste dem Betrachter zuwendet. Mit dieser Maria, die auch gestisch und mimisch ausstrahlt, was das alte Motiv des Schutzmantels aussagt. Mit der einfühlend geschilderten Szene ihr zu Füßen, den beiden rätselhaften Knaben, in denen wohl die heiligen Jakobus und Johannes der Täufer zu sehen sind. Und Jacob Meyer und seinen innig erhobenen Augen.
Andacht will in dem Chorraum der Johanniterkirche dennoch nicht aufkommen vor der strahlenden, wunderbar stimmigen, malerisch verdichteten Tafel. Die Installation steht dem entgegen. Die Stelle eines Altars nimmt sie ein – und ist denn doch nur wie in einem Schaufenster zu sehen, einer Art Schautresor. Sicherheitstechnik hält sie umklammert, die Liebe Frau von Schwäbisch Hall. Das muss ja vielleicht heute sein an einem solchem Platz. So ist die Hochsicherheitsvitrine ihr Schicksal.
Dass sie noch einmal nach Darmstadt zurückkehren wird für eine Ausstellungszeit oder ins Städel – mag sein. Interessenten, die sie einmal haben wollen, gibt es viele, sagt Sammlungsdirektorin Sylvia Weber. Basel zum Beispiel mit seinem bedeutenden Holbein-Bestand. Oder London, wohin den Maler der Lebensweg führte. Denkbar ist vieles, geplant gar nichts.
– Johanniterkirche, Schwäbisch Hall. Ab 24. Januar, Di bis So 11–17 Uhr.
Autor: Volker Bauermeister
