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24. Januar 2012
Zwei Einzelausstellungen im Kunstverein Freiburg: Doppelter Kreislauf
Walter Swennen und Alexander Heim: Zwei Einzelausstellungen im Kunstverein Freiburg.
Wenn Walter Swennen eine Idee hat, kann er sich freuen wie ein Kind. Ob einem zum Beispiel schon mal aufgefallen sei, dass in den Siebzigern fast jeder einen weißen Malewitsch in der Küche hatte? Der Belgier lächelt verschmitzt. Nein? Kein Wunder – die meisten hätten es damals ja auch nicht bemerkt. Dabei seien die quadratischen Blechabdeckungen, die lange vor Erfindung des Ceranfeldes bei Gas- und Elektroherden mitgeliefert wurden, in Wirklichkeit doch nichts anderes als radikal abstrakte Bilder, die sich als Küchengerät tarnten ...
Zugegeben, es ist ein ziemlich spezieller Humor, mit dem Swennen dem Alltag seine Kunst abtrotzt. In den Achtzigern gehörte er damit zu den jungen Rebellen der Malerei, die wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen oder René Daniëls vom Rheinland aus die internationale Szene aufmischten. Seine Einzelausstellung im Kunstverein Freiburg – die erste institutionelle Schau des 65-Jährigen in Deutschland – lässt sich nun als Fortsetzungsgeschichte dieser turbulenten Jahre lesen.
Beginnend in den Achtzigern mit einem großen Schwarz-Weiß-Format, durch das ein Comic-Blitz fährt und eine Kerze zum Erlöschen bringt, spannt sich der Parcours hier über gut zwei Dutzend Bilder auf Leinwand, gefundenen Holzplatten und Herdabdeckungen (!), die ein wahres Feuerwerk absurder Alltagsmotive abbrennen. Vom abgeschmackten Emblem eines Kraftsportstudios über Waschbecken, Fachwerkhäuser und Flugzeugwracks bis zu typografischen Soli, die auf monochromem Grund wie geistesabwesend Begrüßungsformeln vor sich hin stammeln ("Hallo, Allo, allo ...") oder in ungelenken bunten Lettern flandrische Flüche austeilen ("Du zerbrichst mir den Fuß!"), entfaltet sich so ein kurzweiliger Malereikosmos, der aus einem ungläubigen Staunen über den Bildwert der unscheinbarsten Dinge geboren scheint. Der Hang zum Dadaismus ist hier ebenso spürbar wie Swennens Liebe zum Jazz der Vierziger und Fünfziger – jener Zeit, als die Improvisation begann, sich vom virtuosen Intermezzo der Freiheit im streng geregelten Arrangement zum alles bestimmenden Kommunikations- und Konstruktionsprinzip der Musik zu entwickeln. Auch Swennen improvisiert: Nicht das Ergebnis, sondern der Bildprozess selbst ist das Ziel. Er setzt Motive, verwirft, übermalt – und dann, wenn alles längst im Fluss ist, kommt meist irgendeine dahergelaufene Idee hereingeplatzt und pflanzt sich gewissermaßen als semantisches Gipfelkreuz auf einen Berg bereits vermalter Farbe und gescheiterter Bildfindungen. Dass er dafür oft typografische Lösungen wählt, ist kein Zufall. Typografie, sagt Swennen, bringe die Ambiguität zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir denken auf dem Punkt.
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Cartoons funktionieren oft nach dem gleichen Prinzip. Das Tolle daran: Swennens Malerei sprüht geradezu vor Witz. Viele seiner Bilder kommen wie grandiose Slapsticks daher. Doch genau darin liegt auch eine gewisse Tragik: Trotz ihres Esprits wird man das Gefühl nicht los, dass die Zeit über Swennens Malerei hinweg gegangen ist. Die erloschene Kerze, mit der der Parcours im Kunstverein beginnt, taucht am Ende des Rundgangs zwar brennend neben einer Krone wieder auf, doch die drei Jahrzehnte, die zwischen beiden Bildern liegen, lassen eine Entwicklung nur schwer erkennen.
Vielleicht hat Swennens Kollege Alexander Heim ja tatsächlich Recht, wenn er sagt, dass jede Entwicklung eine Fiktion und die wahre Bewegung der Welt der Kreislauf sei. Parallel zur Einzelschau des Belgiers bespielt Heim derzeit die Halle im Erdgeschoss des Kunstvereins. Das Material für seine Arbeiten findet er auf dem Autofriedhof: Motorhauben, Rücklichter und Frontleuchten. Die Hauben schneidet er jeweils mit einem Cut in zwei Teile und arrangiert sie zu aggressiven, sexy schimmernden Wandobjekten; die Leuchten hingegen verwandelt der Bildhauer mit viel Gips und Autolack zu organisch geformten Objekten, die im Kunstverein wie gestrandete Fische auf einem bühnenartigen Sockel ausliegen.
Der eigentümliche Fetisch-Glamour, der diese Arbeiten im ersten Moment wie Referenzen an Richard Prince’ PS-strotzende Muscle-Car-Bilder aussehen lässt, führt jedoch in die Irre. Heim denkt nachhaltiger. Ausgangspunkt seiner aktuellen Arbeit, erzählt der 34-Jährige, war eine Hafenmole, in der er Tonnen von kleinteiligem Plastikmüll auf der Wasseroberfläche schwappen sah. Den Video-Loop, den er von dieser Szene drehte und der nun als Prolog zu seiner Ausstellung im Foyer läuft, heißt "The Great Plastic Vortex" – benannt nach einer mysteriösen Strömung im Pazifik, die den gesamten Müll der Ozeane auf eine bestimmte Region auf dem offenen Meer zutreibt. Mit andern Worten: Alles, was wir tun, hinterlässt seine Spuren und findet irgendwann den Weg zu uns zurück. Es ist eine ebenso tröstliche wie bedrohliche Vorstellung, die Heim mit seinen Recycling-Skulpturen in scharfkantige Vexierbilder der Welt zwischen Utopie und Apokalypse übersetzt.
— Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21. Bis 11. März, Dienstag bis Sonntag 12–18 Uhr, Mittwoch 12–20 Uhr.
Autor: Dietrich Roeschmann
