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30. Juni 2012
"Es war verwildert"
BZ-INTERVIEW mit dem stellvertretenden Museumsleiter Detlef Zinke über 30 Jahre im Augustinermuseum.
etlef Zinke kam 1981 ans Augustinermuseum und gehört damit zu den dienstältesten Mitarbeitern der Einrichtung, Ende des Jahres wird er in den Ruhestand gehen. Den 2010 abgeschlossenen ersten Bauabschnitt hat er maßgeblich mitgeplant. Über Veränderungen im Augustinermuseum und im Ausstellungswesen sprach der 64-jährige stellvertretende Museumsleiter mit Frank Zimmermann.
DBZ: Herr Zinke, Sie haben im März 1981 im Augustinermuseum angefangen. Wenn Sie das damalige Haus mit dem heutigen vergleichen, was fällt Ihnen da auf?
Detlef Zinke: Keine Frage, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Damals war das ein zwar atmosphärisch reiches, aber – im übertragenen Sinn – verstaubtes Museum. Wobei damals ein Buch auslag, in das Besucher euphorische Meinungsbekundungen schrieben – "so etwas Schönes hätten sie noch nie gesehen". Ich habe mich da schon gewundert, denn auch zu jener Zeit gab es andernorts Beispiele, wie man sich im Museum der Gegenwart annähern kann. Das wurde hier nicht einmal versuchsweise unternommen. Mit dem fachmännischen Blick sah man Verbesserungswürdiges zuhauf, aber das Laienpublikum hat das Museum damals noch angenommen, die allgemeine Unlust an ihm kam erst später.
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Zinke: Eigentlich alles, damit ist auch der Gebäudezustand gemeint. Der Putz bröckelte, die Feuchtigkeit stieg die Wände hoch, und im Winter saßen bei Minusgraden die Aufsichten vermummt auf ihren Stühlchen mit einem Radiator neben sich und einer Matte unter den Füßen. Konzeptionell war es "verwildert": Es war keine rechte Ordnung mehr spürbar.
BZ: Sind Sie damals mit dem Anspruch angetreten, etwas zu verändern?
Zinke: Ja. Auch dem damaligen Direktor Hofstätter, der seinerzeit schon sieben Jahre da war, hatte man in Aussicht gestellt, das Museum in die Jetzt-Zeit zu überführen. Das ist dann aus finanziellen Gründen nicht geschehen. Und seine Nachfolgerin ist dann mit demselben Anspruch hier angetreten, aber über ein Vorplanungskonzept hat sie es nicht mehr hinaustreiben können.
BZ: Was war Ihre Aufgabe?
Zinke: Als ich kam, war die Neugestaltung als Projekt wieder mal passé. Man machte Ausstellungen, bot Führungen an und widmete sich dem Objektbestand. Punkt. Ich hatte mir sehr früh gewünscht, wissenschaftliche Kataloge verfassen zu können. Denn es gehört meiner Meinung nach zu den Königsaufgaben eines Museums, seine Bestände wissenschaftlich zu publizieren. Damit musste einfach mal begonnen werden. Ich habe dann die Bände "Gemälde bis 1800" und "Bildwerke des Mittelalters und der Renaissance" geschrieben. Die Ausstellung nach und nach "aufzufrischen", reizte mich ebenso. Aber gemessen an dem, was es dann im ersten Bauabschnitt an Aufgabenstellungen gab, waren das natürlich Marginalien.
BZ: Was war Ihre persönliche Motivation, ans Augustinermuseum zu kommen?
Zinke: Das waren ganz pragmatische Gründe. Ich hatte am Frankfurter Liebieghaus nur einen befristeten Werkvertrag. Irgendwann muss man zu Potte kommen, und am Augustinermuseum war eine Stelle frei. Mein Studienkollege Jochen Ludwig hatte mir davon erzählt – und so habe ich mich beworben.
BZ: Was reizt Sie an der Sammlung des Augustinermuseums?
Zinke: Ganz klar, die Mittelalter-Bestände. Man muss schon sagen, dass wir als Museum von den Sammlungen der Erzdiözese und der Adelhausenstiftung erheblich profitieren – bei der Steinplastik, bei den Glasgemälden, bei der Schatzkunst, bei den Bildteppichen. Meine Vorlieben, die italienische Renaissance und die niederländische Malerei, fehlen hier allerdings weitgehend. Als ich hierher kam, habe ich erst einmal geschaut, was in den Depots hängt. Da stolperte ich zum Beispiel über ein Bild, bei dem ich mich fragte: "Warum stellt man so etwas nicht aus?" Drunter stand die offenkundig falsche Bestimmung "Süddeutsch, Mitte 17. Jahrhundert". Ich habe mich ein bisschen damit beschäftigt, weil das Bild so herausragend gut war. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Gemälde von Giuseppe Cesari [1568-1640], genannt "Il Cavaliere d’Arpino", handelte, der seinerzeit ein sehr berühmter Mann war – päpstlicher Maler und Vorgänger von Caravaggio. Ich habe das Bild dann unter seinem richtigen Namen ausgestellt. Ein anderes im Depot stammte von Otto van Veen [1556-1629], dem Lehrer von Rubens. Es stammte aus der Sammlung des Freiburger Rechtsanwalts Ludwig Riegel, aus der es das Museum 1897 erwarb. Ich fand auch bei diesem Bild, dass so etwas in die Ausstellung gehört. Leider können wir diese barocke und präbarocke Malerei momentan nicht zeigen, ich hoffe aber, dass sie in der weiteren Konzeption berücksichtigt wird.
BZ: Sie haben 2001 die Projektleitung für die Sanierung des Augustinermuseums übernommen und 2002 für fünf Jahre die kommissarische Leitung. War das Ihre schwerste Aufgabe in drei Jahrzehnten – den ersten Bauabschnitt zu verantworten und gleichzeitig das Museum zu leiten?
Zinke: Ja, sicherlich. Die größte Leistung war dabei, ein Museum zu leiten, ohne dass weiter auffiel, dass wir eigentlich keinen richtigen Direktor hatten [Saskia Durian-Ress verließ das Haus 2002 vorzeitig, Anmerkung der Redaktion]: Wir haben weiter Ausstellungen gemacht, Jahresberichte publiziert und das gesamte Programm fortgeführt. Wer nicht Insider war, hat nicht gemerkt, dass wir eine wesentliche Planstelle jahrelang gar nicht besetzt hatten.
BZ: War es für Sie in Ordnung, nach fünf Jahren als Feuerwehrmann wieder ins zweite Glied zu rücken?
Zinke: Ja, absolut. Ich muss das nicht haben – an erster Stelle zu stehen. Es ging dann ja auch um die Gesamtdirektion aller Museen – ein Gesamtdirektor, der nicht gleichzeitig ein Haus hat, das wäre für die Freiburger Verhältnisse eine Fehlkonstruktion [Tilman von Stockhausen, seit 2008 im Amt, ist Leiter der Städtischen Museen und zugleich des Augustinermuseums]. so etwas kann man in Dresden machen, wo die Staatlichen Kunstsammlungen zwölf staatliche Museen umfassen.
BZ: Sind Sie zufrieden so, wie das Museum jetzt dasteht?
Zinke: Ja. Wobei man sich eine Gesamtbewertung so lange vorbehalten muss, bis das Gesamtprojekt fertig ist. Momentan bekommt man nur ein eingeschränktes Bild vom Bestand und Charakter des Hauses. Da kommt ja noch eine Menge nach in den nächsten Jahren.
BZ: Muss man Ausstellungen heute ganz anders machen als vor 30 Jahren?
Zinke: Die technischen Mittel sind natürlich ganz andere, aber das Ausstellungsgeschäft als solches hat sich so grundlegend nicht verändert. Freilich nimmt die Öffentlichkeit ein Museum heute eher als eine Art Umschlagplatz anstatt als Heimstatt von Kunst wahr – der Gedanke, dass etwas 20 oder 30 Jahre unverändert vor einem steht, hat für viele etwas Erschreckendes. Dabei macht das eigentlich ein Museum aus, wir können uns nicht alle zwei Jahre neu erfinden.
BZ: Aber erfolgreiche Museen wie die Fondation Beyeler in Riehen ziehen das große Publikum gerade mit großen Sonderausstellungen an und nicht mit ihren zweifelsohne tollen Sammlungen.
Zinke: Ja. Und genau das hängt eben mit diesem veränderten Rezeptionsverhalten der Menschen zusammen. Sie stellen sich nicht die Frage, was im Allgemeinen, sondern jetzt gerade gezeigt wird – als wären wir eine Kunsthalle oder ein Kunstverein, der alle drei Monate etwas Neues zeigen muss.
BZ: Fühlt man sich da als Museum unter Druck?
Zinke: Ja, natürlich. Deshalb haben wir ja die Sonderausstellungshalle im Untergeschoss eingerichtet, uns war klar, dass wir auf diesen Zug mit aufspringen müssen. Natürlich spielen Zahlen eine Rolle – natürlich achtet man darauf, ob jetzt 10 000 oder 100 000 Besucher kommen. Wobei das noch nichts über die Qualität dessen aussagt, was man gemacht hat. Man sollte schon schauen, dass man sich nicht ganz dem Publikumsgeschmack – oder was man dafür hält – unterwirft. Ich kann aber sagen, dass wir nicht den angefeuchteten Finger in die Luft strecken, um uns Gewissheit darüber zu verschaffen, womit man eventuell Furore machen kann.
BZ: Hat sich auch das Sehverhalten der Menschen geändert – muss eine Ausstellung heutzutage emotional packen, während früher die nüchterne gläserne Vitrine langte?
Zinke: Das weiß ich gar nicht. Ich habe immer meine eigenen visuellen Erfahrungen zum Maßstab genommen, was anderes kann man auch nicht machen. Was habe ich davon, wenn ich 150 sich widersprechende Meinungen einhole? Ich habe meine Sicht auf die Dinge. Natürlich ist die Ausstellungsästhetik anders als früher, auch, weil ich mich selbst verändert habe, Dinge anders sehe und auch unbewusst aufnehme. Ich würde heute nichts mehr so machen wie vor 30 Jahren – hoffe ich doch. Es wird auch so sein, dass das, was wir jetzt hier machen, veralten wird. Auf diesem Stuhl werde ich einen Nachfolger haben, dem gewisse Dinge, die ich gemacht habe und die mir gefallen, nicht mehr gefallen. Das liegt in der Natur der Sache, da muss man sich keinen Illusionen hingeben.
BZ: Sie gehen Ende des Jahres entspannt in den Ruhestand?
Zinke: Das wird man mal sehen, ich kann mich da ja auf keine Erfahrungswerte beziehen. Ich habe jedenfalls nicht das große wissenschaftliche Altersprojekt geplant. Vielleicht werde ich mich irgendwann mal danach sehnen, dass die Leute vom Museum sich mit fachlichen Anfragen an mich wenden. Man muss aber schon auch loslassen können, es werden andere in der Verantwortung stehen. Wahrscheinlich werde ich mehr in der Weltgeschichte herumreisen.
ZUR PERSON: DETLEF ZINKE
Detlef Zinke wurde am 19. November 1947 geboren. Er studierte in Frankfurt und Wien Kunstgeschichte, mittlere und neuere Geschichte und klassische Archäologie. Er war nach dem Abschluss wissenschaftlicher Volontär beim Kunstverein Stuttgart, arbeitete von 1979 bis 1981 im Liebieghaus Frankfurt. Seit März 1981 arbeitet er als stellvertretender Leiter am Augustinermuseum; zweimal, im zweiten Halbjahr 1991 und noch einmal von 2002 bis 2007, sprang er kommissarisch als Leiter des Augustinermuseums ein. Zum Jahresende geht Detlef Zinke in den Ruhestand.
Autor: fz
Autor: bex





