Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

27. Februar 2010

Schlau gegessen

Klug wurde der Mensch erst durch das Kochen, behaupten Forscher. Denn auch das Hirn mag es gern gut gebraten /.

  1. Foto: assadD

  2. Kochen macht das Essen auch bei den Yuhup-Indianern in Kolumbien nahrhafter. Unten: Lieblingsgericht des Urmenschen – Mammutfleisch Foto: afp/ddp

Eine kleine Gruppe Habilinen kauert im afrikanischen Buschland um ein Feuer herum. Mit einfachen Werkzeugen schneiden die Frühmenschen große Stücke Fleisch aus einer Antilope und rösten sie in den Flammen. So könnte die erste heiße Mahlzeit ausgesehen haben, ein duftender Festschmaus vor zwei Millionen Jahren – mit phänomenalen Konsequenzen, wie der Anthropologe Richard Wrangham vermutet. Seiner Theorie zufolge hat die Vorliebe zum Braten und Garen bei unseren Vorfahren einen gigantischen Evolutionssprung ausgelöst. Sie ermöglichte erst das rapide Wachstum des Gehirns, so Wrangham: "Gekochtes Essen machte aus Affen Menschen."

Brachte also der Wechsel von Urwaldsalat auf Antilopensteak den Durchbruch in der Evolution? Entwickelte sich so aus dieser kleinen Gruppe Habilinen der Mensch? Wrangham sieht es so. In seinem Werk "Feuer fangen – Wie uns das Kochen zum Menschen machte" beschreibt der Harvard-Professor, wie die zusätzliche Energie aus warmem Essen den ersten Köchen eine Reihe von biologischen Vorteilen brachte: Sie lebten länger, pflanzten sich erfolgreicher fort und ihre Gene breiteten sich stärker aus.

Werbung


Die bisher gängige Theorie lautet, dass die Frühmenschen ihren Verdauungstrakt allmählich durch höherwertige Kost mit mehr Fleisch verkleinerten. Die so frei gewordene Energie soll das Wachstum des Gehirns ermöglicht haben. "Homo erectus tauschte Hirn gegen Darm", sagt die USAnthropologin Leslie Aiello von der Wenner-Gren-Stiftung. Wrangham hält diese Fleischesser-Hypothese für richtig, aber auch für unzureichend.

Der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk unterstützt Wrangham. "Das Gehirn hat sich über Jahrmillionen nur ganz allmählich entwickelt – und dann gab es plötzlich diesen gigantischen Sprung – da hilft uns Wranghams Kochhypothese weiter." Bevor Homo erectus vor circa 1,9 Millionen Jahren in den Steppen Afrikas auftauchte, trat dort Australopithecus evolutionär fast zwei Millionen Jahre auf der Stelle; er besaß große Ähnlichkeit mit Menschenaffen, ernährte sich von Früchten und Blättern. Eine schwer verdauliche Kost, die ihn Tag und Nacht beschäftigte.

Der erste evolutionäre Sprung setzte mit dem Erscheinen der Habilinen vor etwa 2,3 Millionen Jahren ein. Sie waren mit einem weitaus größeren Gehirn ausgestattet und machten sich mit einfachen Werkzeugen über Tierkadaver her. Einige von ihnen, so Wrangham, entwickelten sich in einem zweiten Quantensprung zum Homo erectus, dem neuen, hoch gewachsenen Menschentyp, der dem heutigen Menschen in seiner Gestalt so ähnlich ist, dass er – modern gekleidet – in der Fußgängerzone kaum auffallen würde. Auf fast einen Liter Denkmasse brachte es Homo erectus – doppelt so viel wie Australopithecus; heutige Homo Sapiens verfügt über circa 1,35 Liter.

Homo erectus befeuerte sein Riesenhirn mit Energie aus Fleisch. Als erster Hominid ging er auf Großwildjagd. Fleisch aber ist noch zäher als Blätter. Andere Tiere hätten sich an die rohe Fleischkost mit Hilfe größerer Zähne angepasst, sagt Forscher Wrangham. Bei Homo erectus dagegen wurden die Zähne und Kiefer kleiner. Er müsse die Beute also gebraten haben, schlussfolgert Wrangham.

Durch das Kochen konnte Homo erectus die gleiche Kalorienzahl mit weniger Aufwand zu sich nehmen und schneller in Energie umwandeln. Für Christiana Gerbracht vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung klingt das plausibel: Durch das Erhitzen von Lebensmitteln komme es zu einer Art Vorverdauung, erklärt die Expertin. "Durch das Garen werden Eiweiß und Stärke besser nutzbar, toxische Inhaltsstoffe abgebaut, Bakterien werden abgetötet und einige Lebensmittel bekömmlicher."

Bereits kleine Änderungen in der Kost können große Effekte für Überleben und Fortpflanzung haben, so Wrangham. Der Forscher beruft sich neben einer Reihe von Tierexperimenten auch auf die Ergebnisse der Gießener Rohkost-Studie von Corinna Koebnick, die über eine längere Zeit 513 Rohkostesser beobachtet hat. Ihr Ergebnis: "Bei einer strengen Rohkostdiät ist eine ausreichende Energiezufuhr nicht mehr gewährleistet." Deutlicher Gewichtsverlust war eine Folge. Dazu blieb bei den Frauen umso häufiger die Menstruation aus, je höher der Rohkostanteil in ihrer Nahrung war.

Wranghams Schlussfolgerung: "Eine Unfruchtbarkeitsquote von über 50 Prozent, wie sie in der Gießener Rohkost-Studie festgestellt wurde, wäre für eine natürliche Population von Jägern und Sammlern katastrophal." Der Amerikaner ist deshalb überzeugt: "Homo erectus konnte ohne Kochen gar nicht mehr überleben." Mit seiner Kochhypothese wagt er sich weit vor. Viele seiner Kollegen wie etwa Loring Brace von der Universität Michigan datieren den Beginn der Kochkunst auf eine Zeit vor circa 250 000 Jahren. Die Anthropologin Leslie Aiello fühlt sich dagegen von Wrangham "sehr inspiriert". Das Problem sei nur, dass es keine Beweise dafür gebe, dass der Homo erectus der erste Grillmeister war.

Das könnte der Knackpunkt sein: Hatte Homo erectus bereits die Kontrolle über das Feuer? Befestigte Feuerstellen wie Öfen aus Stein können Forscher erst für die vergangenen 250 000 Jahre nachweisen. Offene Feuerstellen nutzten unsere Vorfahren bereits vor 800 000 Jahren – aber damit immer noch eine Million Jahre später als Wrangham annimmt.

Der Amerikaner lässt sich dennoch nicht beirren und beruft sich auf zwei Homo-erectus-Fundstätten in Kenia und Tansania. Dort legte der Paläoanthropologe Jack Harris verrußte Steinwerkzeuge und halb verbrannte Tierknochen frei. Wie seine Kollegen glaubt auch Friedemann Schrenk, dass dort schon vor etwa anderthalb Millionen Jahren Lagerfeuer gebrannt haben könnten. Gegen die alternative Erklärung, Harris habe nur Spuren eines Buschbrandes entdeckt, spricht seiner Meinung nach die große Hitze, unter der laut den Untersuchungsergebnissen die Tierknochen einst verbrannten. Diese 600 bis 800 Grad Celsius können Schrenks Meinung nach eigentlich nur von Menschenhand und durch Kochfeuer erzeugt worden sein. "Buschfeuer werden oft nur 100 Grad heiß."

Also machte doch bereits Homo erectus das Feuer zu einem zentralen Bestandteil menschlichen Lebens? Wrangham ist sich sicher, dass es für "diesen Eroberer der Welt" ein leichtes war, Feuer zu nutzen, das ihm Schutz vor wilden Tieren, Wärme und schmackhafte Kost schenkte. Ein enormer Fortschritt, so Wrangham, "der Beginn der Menschheit".

Buchtipp: Richard Wrangham: "Feuer fangen: Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution". Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 304 Seiten, 22,95 Euro
.

Autor: Marcel Burkhardt