Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
13. September 2012
Aus dem Bett in die Isar
KOMÖDIE: Ingo Rasper erzählt in "Vatertage" von einer entspannten Patchworkfamilie.
Alle Münchner, da ist sich Natalie (Nina Gummich) aus Bitterfeld sicher, schwimmen im Geld. 10 000 Euro müssten da mindestens drin sein, und die Finanzierung des Italienurlaubs wäre gesichert. Also auf in die bayerische Landeshauptstadt, wo der Vater ihrer Freundin Dina lebt, der die eigene Tochter nie kennen gelernt hat und nun seinen Unterhaltsverpflichtungen nachkommen soll. Dina (Sarah Horváth) ist gerade einmal 17 und hat selbst schon einen Säugling.
Aber das Abzock-Unternehmen gestaltet sich schwieriger, als erwartet. Denn Vater Basti (Sebastian Bezzel) gehört nicht dem gut betuchten Münchner Mittelstand an, sondern verdient sich als Rikschafahrer mühsam sein spärliches Einkommen. Der 36-Jährige ist mit seinem Dasein in den unteren Einkommensschichten nicht unzufrieden. Als überzeugter Junggeselle mit regelmäßigem Damenbesuch schlawinert er sich unbekümmert durchs Leben, lässt sich am Morgen aus dem Schlafzimmerfenster direkt in die Isar plumpsen, trifft sich mit seinen Freunden in der Fahrradwerkstatt zum Weißwurstfrühstück und spielt nach Feierabend in einer Blechbläserband.
Werbung
Dass er plötzlich nicht nur Vater, sondern auch schon Opa ist, schockiert den Münchner Bohemien zutiefst. Grantelnd fügt er sich in seine großelterlichen Pflichten, versucht die geforderte Summe zusammenzuschnorren und beklaut sogar eine betrunkene Niederländerin, die ihn in ihr Hotelbett eingeladen hat.
Dass er Dina und das Baby mit der Zeit lieb gewinnt, ahnt man – wie so vieles in Ingo Raspers "Vatertage". Aber auch wenn die Story des Mannes, der sich dem Erwachsenwerden verweigert hat und angesichts der hereinbrechenden Nachkommenschaft Verantwortung übernehmen muss, in ihren Grundzügen recht übersichtlich erscheint, überzeugt diese Komödie durch die entspannte Art, mit der sie den Weg zum dramaturgischen Ziel entlang flaniert. Das hat viel mit dem Milieu zu tun, das Rasper ohne Anspruch auf soziale Authentizität entwirft. Hier regiert nicht die überspannte Münchner Schickeria, sondern ein buntes Alternativvolk, das in den Tag hinein leben darf, ohne sich dafür schlecht fühlen zu müssen. Natürlich ist das ein in spätsommerlichem Licht hemmungslos idealisiertes Bild des Münchner savoir vivre, das dem Film aber seine eigene Atmosphäre gibt. Dazu gehört auch das durchaus charmante Plädoyer zu den frei gewählten Strukturen der Patchworkfamilie, das sich aus den Wirren um mögliche und unmögliche, wahre und falsche Vaterschaften organisch entwickelt.
– "Vatertage" (Regie: Ingo Rasper) läuft flächendeckend.
Autor: Martin Schwickert



