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02. Februar 2012

Die fetten Jahre gab es nie

PSYCHODRAMA: Hans Weingartner erzählt in "Die Summe meiner einzelnen Teile" von krankmachender Kultur und heilender Natur.

  1. Freunde: Martin (Peter Schneider) und Viktor (Timur Massold) Foto: central

Er sei der beste Mathematiker im ganzen Betrieb, der begabteste, der genialste, sagt der Chef zu Martin Blunt (Peter Schneider). Und entlässt ihn. Denn Martin sei halt leider nicht belastbar, den Anforderungen des Jobs nicht gewachsen. Ein halbes Jahr war der junge Mathematiker in der Psychiatrie, jetzt tritt er mit Psychopharmaka und tapfer gestrafftem Rücken zum Neustart an. Vergeblich. Auch die Freundin (Julia Jentsch) will ihn nicht mehr, seine Habe lagert in ein paar Umzugskartons in ihrem Keller. Nicht minder trostlos die Übergangswohnung in Berlin-Marzahn, die man ihm bereitgestellt hat, bis er wieder Fuß gefasst hat.

Aber Martin fasst eben nicht wieder Fuß. Ihm wächst kein Ganzes, das mehr als die Summe der einzelnen Teile wäre. Sein Leben ist zerbrochen in Fraktale, und sein krankes Hochleistungsgehirn versucht verzweifelt, die Muster zu erkennen und sich daraus eine Identität zurecht zu rechnen. Bald verlässt er das Bett nur noch, um Schnaps zu kaufen, und als die Wohnung zwangsgeräumt wird, nächtigt er in einem Abbruchhaus. Aber nicht einmal dort findet er eine Bleibe.

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Der Vorarlberger Hans Weingartner, Jahrgang 1970, der Neurowissenschaften studiert hat, bevor er zum Film kam, knüpft mit seinem neuen Drama "Die Summe meiner einzelnen Teile" an sein sensationelles Debüt von 2001 an: Wie in "Das weiße Rauschen" steht auch hier eine verletzte Seele im Mittelpunkt, ein aus dem Lot geratenes Ich. Und wie in Weingartners bekanntestem Film, "Die fetten Jahre sind vorbei", fährt er für das Zerbrechen von Individuum und Gesellschaft plakative und gleichwohl bildstarke Symbole und Erklärungsmuster auf: die Schere zwischen Arm und Reich, die Ökonomisierung allen Lebens, die Seelenlosigkeit unserer Städte, hier der Wohnsilos von Marzahn. Ach, und zu allererst: das Versagen der Väter. Die fetten Jahre sind nicht vorbei – es gab sie nie für Martin.

Genie und Wahnsinn eines Mathematikers: Wem fiele da nicht Ron Howards vierfacher Oscar-Gewinner "A beautiful mind" mit Russell Crowe ein, dem Peter Schneider in manchen Szenen sogar ähnlich sieht. Aber anders als in jenem Hollywood-Film geht es hier nicht um eine historische Person, sondern paradigmatisch um die Krankheit unserer spätkapitalistischen Zeit. Bevor Martin aber ganz unten ist, wächst das Rettende auch: Verantwortung als Ausweg aus der Ich-Spirale. Er sieht, wie ein kleiner Junge von Älteren rüde drangsaliert wird, und wirft sich instinktiv dazwischen – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Der Zuschauer kennt diesen einsamen Zehnjährigen bereits: Seine Mutter saß eines Tages leblos auf dem Sofa, gestorben an Alkoholvergiftung. Zwischen den beiden Opfern des Wodka bahnt sich eine vorsichtige Beziehung an, eine wortlose: Viktor (Timur Massold) kommt aus der Ukraine und kann kein Deutsch. Gemeinsam sammeln sie Pfandflaschen, um sich etwas zu essen zu kaufen, gemeinsam fliehen sie aus dem Abbruchhaus und verstecken sich im Wald. Und dort finden sie mit der Zeit Frühling und Heimat, das Leben sogar: Mitgefühl, Sorge füreinander.

Ein "Zurück zur Natur" im Sinne von Rousseau ist Weingartners Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die kein Abweichen von der Norm duldet. Die paradiesische Abgeschiedenheit, in der Martin mit Viktor gesundet, setzt Kameramann Henner Besuch in leuchtende Bilder: eine Sinfonie der Naturtöne, Braun, Gelb, Grün, und der Himmel so grau, so blau. Martin gewinnt Stärke und Ich-Vertrauen, klettert auf die Bäume, eilt über die Wiesen. Er will mit dem Kind und Lena (Henrike von Kuick), die er durch einen (arg konstruierten) Zufall kennengelernt hat, in einer Kommune in Portugal das Hippieleben für immer fortsetzen.

Wir ahnen längst, dass das Hohelied der Sozialromantik nicht das letzte Wort haben wird in diesem Film. Aber wie sich dann, in der brillanten und beklemmenden Schlussvolte, das Glück mit einem Schlag auflöst, das nimmt einem dann doch schier den Atem. Vom Ende her erschließen sich auch manche Ungereimtheiten, und man verlässt das Kino im Bewusstsein, einen starken Film gesehen zu haben – mit zwei großartigen Hauptdarstellern.
– "Die Summe meiner einzelnen Teile" (Regie: Hans Weingartner) läuft in Freiburg im Friedrichsbau.

Autor: Gabriele Schoder