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02. Februar 2012

Ein nostalgischer Blick zurück

AGENTENTHILLER: Tomas Alfredson bringt John Le Carrés Roman "Dame, König, As, Spion" auf die Leinwand.

  1. In Braun- und Beigetönen: Toby Esterhase (David Denick) und George Smiley (Gary Oldman) Foto: dapd

In der Geheimdienstzentrale wird Weihnachten gefeiert. Schnaps fließt reichlich, und ausnahmsweise traut man sich so etwas wie Heiterkeit. Als schließlich der Weihnachtsmann mit einer Lenin-Maske vorm Gesicht auftritt, stimmen die Topagenten begeistert die russische Nationalhymne an. Diesen Text kennt jeder hier – im Londoner Hauptquartier des MI6, des britischen Secret Service.

Ein absurder Karneval? Es ist jedenfalls eine der verblüffendsten und gewitztesten Erfindungen in Tomas Alfredsons sonst eher strengem Spionagedrama "Dame, König, As, Spion": Zu Beginn der Siebzigerjahre, also mitten im Kalten Krieg, scheinen die Geheimdienste von Ost und West nahezu Spiegelbilder geworden zu sein. Die Angestellten – abgebrühte Profis hüben wie drüben – wissen das auch, und zumindest in der alkoholumnebelten Weihnachtsnacht haben sie ihren verqueren Spaß daran.

Le Carré hat seinen eigenen kleinen Auftritt

Diese Szene kommt nicht vor in John Le Carrés Romanvorlage von 1974, die wie die übrigen Bücher um den Agenten George Smiley längst ein Klassiker des Spionagegenres ist. Aber gegen den eigenmächtigen Fingerzeig hat der Autor nichts einzuwenden. Ausdrücklich wollte er weder eine plane Literaturverfilmung, noch ein Remake der berühmten BBC-Miniserie von 1979. Der Schwede Alfredson ("So finster die Nacht") sowie seine englischen Drehbuchautoren Bridget O’Connor und Peter Straughan sollten ihre ganz eigenen Akzente setzen, auch wenn Le Carré beratend im Hintergrund dabei war und nun sogar als einer der "ausführenden Produzenten" aufgeführt wird. Wer genau hinschaut, kann den mittlerweile achtzigjährigen Schriftsteller, der ja tatsächlich selbst einmal Geheimagent war, während der britisch-bolschewistischen Weihnachtsfeier auch bei einem vergnügten, offenbar aus Laune geborenen Kurzauftritt erwischen.

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Es sind nicht nur Kleinigkeiten, dramaturgische Umstellungen oder die mitunter erstaunliche Neumodellierung einiger Figuren, die diese Version von "Dame, König, As, Spion" von den Vorgängern abheben. Verändert hat sich Entscheidendes: Zur Entstehungszeit des Buchs wie auch der Fernsehserie war der Kalte Krieg mit seinem nuklearen Wettrüsten die ständig greifbare Bedrohung. Heute aber ist man bereits geneigt, einigermaßen nostalgisch auf jene Zeit zurückzublicken. Jedenfalls macht sich Alfredsons Film genau diese Sichtweise in weiten Teilen zu Eigen.

In den auf historisches Kolorit getunten Braun- und Beigetönen seiner elegant ausgestatteten Zeitkapsel kann man tief versinken – weshalb man umso mehr aufpassen muss, wenigstens halbwegs den Überblick zu behalten. Denn das Spionagedrama ist hier mehr denn je zu einem raffinierten, vielfach verschachtelten Kammerspiel der Intrige, des Verrats und einer grausamen Bürokratie geworden. Zwei kurze, entscheidende Ausflüge gibt es allerdings aus dem erstickenden, mit Akten vollgestopften Labyrinth von Innenräumen, beides Agenteneinsätze "im Feld", in Budapest und später in Istanbul, jeweils mit mörderischen Folgen. Ein Verdacht liegt nahe: Irgendwo ganz oben in der Hierarchie des britischen Geheimdienstes muss ein Maulwurf sitzen, der für die sowjetische Gegenseite arbeitet. Und dieser Argwohn ist der Grund, warum jetzt wieder Smiley ins Spiel kommt. Nach dem Ungarn-Debakel war der altgediente Agent ungnädig verabschiedet worden, nun soll er im direkten Auftrag der Regierung heimlich gegen die Kollegen ermitteln.

Smiley also, George Smiley: Seit nunmehr drei Jahrzehnten trägt er für viele Leser das Gesicht von Alec Guinness, aus der großartigen Erstverfilmung, die eine Sternstunde des Fernsehens war. Guinness war fast Smiley, wie er im Buche stand, "krötenhaft verschrumpelt", in "wirklich miserablen Anzügen für viel Geld", so hatte es Le Carré erbarmungslos notiert. Im Kino muss man sich davon verabschieden. Bei Gary Oldman sitzen nicht nur die Anzüge besser – er ist jünger, straffer, gefährlicher als der Alte. Doch mit seiner aus all den Smiley-Romanen bekannten "Biografie" passt auch das. Und Oldman spielt in vollendetem Understatement, dafür die Oscar-Nominierung.

Ein Ensemble großer Namen, von John Hurt bis Colin Firth, verleiht der schäbigen Welt des MI6 mehr mythischen Glanz, als ihr zusteht. Die homosexuelle Neuinterpretation des jungen Agenten Guillam (Benedict Cumberbatch) allerdings lüftet einen Deckel, der in dieser Spionagesaga lange geklemmt hatte – während bei Agentin Connie Sachs (Kathy Burke) jeder Modernisierungsversuch bloß in obszönen Flüchen stecken bleibt. Aber zusammengenommen sorgt das für nötige Energieschübe in einem Film, der bis hin zum bitteren Ende gefährlich oft so gediegen einherschreitet, als wolle er schon am Startwochenende selbst zum Klassiker gekürt werden.

– "Dame, König, As, Spion" (Regie: Tomas Alfredson) läuft flächendeckend.

Autor: Jürgen Frey