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11. März 2010
Entführe mich in die Heimat!
"Film des Monats" im Kommunalen Kino: In "Pandoras Box"verliert eine alte Frau ihr Gedächtnis.
Die alte Frau erhebt sich von der Couch, zieht ihr Kleid bis zur Schamhöhe, geht etwas in die Knie und pieselt in die darunter sichtbar werdende lange Unterhose. Und auf den Teppichboden. "Mama, was machst Du da?", ruft ihre erwachsene Tochter entsetzt, während die anderen Geschwister lachen. Es sind komische und zugleich traurige Szenen wie diese, mit denen die türkische Regisseurin Yesim Ustaoglu in ihrem Film "Pandoras Box" auf das Älterwerden und die Krankheit Alzheimer aufmerksam macht.
Der Film spielt in einem abgelegenen Dorf am schwarzen Meer und in Istanbul, weshalb das Freiburger kommunale Kino ihn in die Reihe türkischer Filme mit aufgenommen hat. Besser würde er in die Filmreihe "Stadt – Land – Demenz" passen, die derzeit ebenfalls im kommunalen Kino läuft. Denn der Film "Pandoras Box" gibt Einblicke in die Krankheit und das Leben mit Demenz, könnte aber ebenso an einem anderen Ort spielen. Und die Büchse mit all dem Übel würde sich überall öffnen. Die Probleme treten auf, als Großmutter Nusret ihr Gedächtnis verliert und von nun an rund um die Uhr versorgt werden muss. Nusret, hervorragend gespielt von der 90-jährigen französischen Schauspielerin Tsilla Chelton , lebt allein und abgeschieden in einem in die Jahre gekommenen Haus in einem kleinen Bergdorf am Schwarzen Meer. Eines Tages – sie steht auf der Terrasse, füllt Hagebutten aus einer Plastiktüte in eine Schale – scheint es, als würde sie die Gegenwart verlieren. Ihr Blick ist verstört, die roten Früchte kullern auf den Boden.
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Als Nusret als vermisst gilt, machen sich ihre drei Kinder auf den Weg, um sie zu suchen. Alle drei wohnen in Istanbul, scheinbar Lichtjahre entfernt. Und als schon bei der Autofahrt alte Familienkonflikte ausbrechen, wird klar, dass jeder seine eigene Pandorabüchse in sich trägt. Da ist Nesrin (Derya Alabora), die mit ihrem Ehemann ein Mittelklasse-Dasein führt. Ihre Schwester Güzin (Övül Avkiran): eine Journalistin mit einer unglücklichen Beziehung. Und Bruder Mehmet (Osman Sonant), der mit zu viel Alkohol und Marihuana in einer heruntergekommenen Wohnung lebt. Nach einer Suchaktion wird Nusret in den Bergen gefunden. Die Kinder nehmen sie mit nach Istanbul. Doch für die alte an Alzheimer erkrankte Frau ist die neue Umgebung wie ein Schock. Allein gelassen in der Wohnung, nur der Fernseher läuft, blickt sie aus dem Fenster: Auf Hochhäuser statt auf Berge. Es sind diese leisen Bilder, die berühren und nachdenklich stimmen.
Immer wieder bricht Nusret aus, verirrt sich in der fremden Umgebung und bringt ihre Kinder fast um den Verstand. Die alte Frau erinnert sich nicht mehr an ihr Enkelkind, bekommt Anfälle, wenn sie gewaschen wird, weiß nicht mehr, wie man schläft oder zur Toilette geht: Und doch ist "Pandoras Box" kein "Alzheimer"-Film, sondern eher ein Generationenfilm. In lichten Momenten hält die alte Frau ihren Kindern den Spiegel vors Gesicht. Doch nur Enkel Murat (Onur Ünsal), ein junger Mann, der auf den gefährlichen Straßen Istanbuls den Sinn des Lebens sucht, kann die alte Frau verstehen. Als die beiden gemeinsam ausreißen, zeigt sich, dass Nusret ihre Erinnerung, aber nicht ihren Willen verloren hat. Sie bittet Murat, sie zu entführen – in ihre Heimat.
– "Pandoras Box" (Regie:Yesim Ustaoglu) läuft in Freiburg im kommunalen Kino. Termine unter: http://www.koki-freiburg.de
Autor: Katharina Wetzel
