Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Februar 2012

"Ich konnte mich behaupten"

TICKET-INTERVIEW: Der Regisseur Martin Scorsese über Asthma, Erfolg und seinen neuen Film.

  1. Martin Scorsese Foto: dpa

Martin Scorsese (69) muss sich nichts mehr beweisen. Der Meisterregisseur setzte schon mit "Taxi Driver", "Wie ein wilder Stier" und "Good Fellas" Meilensteine der Filmgeschichte. Dennoch ließ er sich nun auf sein erstes 3-D-Projekt ein. Aber in "Hugo Cabret" nutzt er die neue Technik, um dem Pionier der ersten Kinostunden zu huldigen: Georges Méliès, der bereits 1896 Filme auf Jahrmärkten präsentierte. Markus Tschiedert traf Scorsese in London.

Ticket: Wollen Sie mit "Hugo Cabret" Ihre Liebe für den Film zum Ausdruck bringen?
Martin Scorsese: In erster Linie ist es ein Film über Menschen und über die Zeit. Auf der einen Seite steht der Knabe Hugo Cabret, auf der anderen der gealterte Georges Méliès, der verbittert ist und der Vergangenheit nachtrauert. Erst durch den Waisenjungen findet er zu sich zurück und kann sein Herz und damit auch seine Augen wieder öffnen.
Ticket: Warum war denn Georges Méliès so verbittert?
Scorsese: Er steckte viel Leidenschaft und Energie in seine Arbeit und erlebte kreative Schaffensphasen. Dann ging alles schief, sein Werk brach zusammen, und er war pleite. Deshalb wollte er damit abschließen und vernichtete alles. Was anderes kann man wohl nicht tun, wenn man einst so kraftvoll und passioniert war. Nur seine Frau bedeutete ihm noch etwas. Erst wenige Jahre vor seinem Tod 1938 wurde er wieder entdeckt und bekam die Ehre, die ihm zustand.

Werbung

Ticket: Hugo ist ein 12-jähriger Junge, der filmverrückt ist und sich umsonst Zutritt ins Kino verschafft. Waren Sie genauso?
Scorsese: Dort, wo ich lebte, wäre es unmöglich gewesen, sich ins Kino zu schmuggeln. Wärst du von einem Aufpasser erwischt worden, hätte es keine Gnade gegeben, die waren ganz schön hart drauf. Nein, ich bin hauptsächlich mit meinem Vater, meinem Bruder und ab und zu mit meiner Mutter ins Kino gegangen. Später bin ich dann vermehrt mit meinen Freunden ins Kino gegangen, die alle in einem verwahrlosten Zustand waren. Wir sahen die schlechtesten Filmkopien, aber dafür kostete der Eintritt auch nur 15 Cent. Ansonsten entdeckte ich mich in Hugo nur insofern wieder, dass ich mich als Junge ebenso oft isoliert fühlte wie er.
Ticket: Warum?
Scorsese: Mit drei Jahren wurde bei mir Asthma festgestellt, und das bestimmte fortan mein Leben. Es ging immer darum, was man kann und was man nicht kann, wenn man diese Krankheit hat. Um 1945 ging es in den New Yorker Straßen von Queens nicht immer gemütlich zu, trotzdem konnte ich mich behaupten, und viele von den großen Kids nahmen mich auch in Schutz. Und dann war da noch die katholische Kirche, die für mich ein wichtiger Ort war, um mal von der Straße und von Zuhause wegzukommen, wo sich Leute permanent stritten oder schlugen.
Ticket: Haben Sie mal darüber nachgedacht, wie es Ihnen ergehen würde, wenn der Erfolg ausbliebe?
Scorsese: Wenn man einen Film wie "Hugo Cabret" dreht, denkt man automatisch darüber nach, ohne aber eine richtige Antwort finden zu können. Ich hatte bisher das große Glück, dass die Leute immer noch meine Filme sehen wollen und darüber reden. Letztendlich kann niemand wissen, ob und wie erfolgreich ein neues Kunstwerk wie Film, Buch oder Musik von den Leuten angenommen wird.
Ticket: Muss man daher auf neue Attraktionen wie 3-D zurückgreifen, um das Risiko zu minimieren?
Scorsese: Inzwischen hat auch eine gewisse Kritik an 3-D eingesetzt. Aber als ich mich vor mehr als einem Jahr dazu entschied, herrschte noch helle Aufregung. Vielleicht mein Glück, denn mir lag viel daran, einen Film zu machen, den sich auch meine 12-jährige Tochter ansehen kann. Insofern sehe ich "Hugo Cabret" als einen Familienfilm, und das ist ebenfalls ein Gebiet, mit dem man mich wahrscheinlich nicht sofort assoziieren würde. Ursprünglich war mal ein Film ausschließlich für Kinder gedacht, aber es hatte sich anders entwickelt. Ich weiß auch nicht, ob ich wirklich gut darin wäre, einen Kinderfilm zu drehen. Für mich ist es ein Film, den sich jeder ansehen kann, und selbst Erwachsene können sich hier in die Welt eines 12-Jährigen zurückversetzen lassen.

HUGO CABRET

Regie: Martin Scorsese
Mit Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ray Winstone und anderen
126 Minuten, frei ab sechs Jahren
Die Story
Hugo Cabret (Asa Butterfield) ist ein Waisenjunge, der in den Gängen eines Pariser Bahnhofs lebt. Der Junge darf sich nur nicht vom Bahnhofsaufseher (Sacha Baron Cohen) erwischen lassen, wenn er sich ein Spielzeug von der Ladentheke des alten Georges Méliès (Ben Kingsley) "ausborgt". Doch dann kommt ihm der Spielzeughändler auf die Schliche. Bald findet Hugo heraus, dass der Alte ein großer Kinozauberer war.  

Autor: bz

Autor: tsc