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10. März 2010

Kaspar Hauser wird König

NEU IM KINO: Jacques Audiards meisterhafter Gefängnisthriller "Ein Prophet".

  1. Ein leeres Blatt, das in sechs Jahren Knast vollgeschrieben wird: Tahar Rahim als Malik Foto: sony

Dieser Film ist ein Wunder. Das bewährte Regelwerk zweier populärer Genres – Mafia-Epos und Gefängnisthriller – nutzt Jacques Audiards fünftes Kinostück "Ein Prophet" vollkommen souverän und weist dabei weit über alle Sparten hinaus. Dazu verkettet der Film Motive aus dem klassischen Königsdrama und dem Erziehungsroman zu einer unerhörten Karrieregeschichte von heute, lässt einen Niemand von Kaspar-Hauser-Ausmaßen in sechs Jahren Knast sich selbst und gleichzeitig einen ranghohen Platz in der (verbrecherischen) Gesellschaft finden. Lässt zudem jenes zunächst völlig unbeschriebene Blatt von einem jungen Darsteller spielen, den vor dieser Geschichte auch kein Mensch kannte und der sich nun für lange Zeit ins Gedächtnis einbrennen wird: Tahar Rahim in der Rolle des kriminellen Aufsteigers Malik El Djebena.

Was für ein Kraftakt dieses Stück ist! In zweieinhalb Stunden droht das mehr als einmal fast zu bersten und bleibt dann doch immer auf verblüffende Weise dicht, kann sich ein paar irrlichternde Abschweifungen leisten und verliert nie das Ziel aus den Augen: was sein wird an Maliks letztem Gefängnistag. Sechzig renommierte Kritiker kürten "Un prophète" weltweit zum besten Film des Jahres, in Cannes bekam er vergangenen Mai den Großen Preis der Jury, vor knapp zwei Wochen räumte er die höchsten französischen "César"-Filmpreise ab. Dass er jetzt nicht auch noch den Oscar als bester ausländischer Film bekam, ist eigentlich erstaunlich: Beobachter bezeichneten diesen Franzosen als "das amerikanischste Movie seit langem" – wobei die häufig als Vorbilder genannten Werke von Coppola ("Der Pate") und Brian de Palma ("Scarface") alt aussehen im Vergleich. Tatsächlich wollte Audiard mit "Un prophète" so etwas wie "einen Anti-Scarface" machen: "Für mich sind psychopathische Gangster einfach nur Schwachsinnige, und der Aufstieg eines Verrückten zur Macht interessiert mich kein bisschen".

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Audiards Protagonist Malik ist weder verrückt noch Gangster, als er mit 19 in ein französisches Gefängnis verfrachtet wird – angeblich war er gegen einen Polizeibeamten rabiat geworden. Malik, der Analphabet, Heimzögling, Halbmaghrebiner ist vielmehr das leere Blatt, das während der nächsten sechs Knastjahre vollgeschrieben wird. Was er als erstes zu lesen lernt, sind die (uns Kinogängern längst geläufigen) Zeichen der Gefängnishierarchie. Wer kann sich zu wem setzen, wessen Blick ist Befehl, wer darf Malik die weißen Turnschuhe rauben?

Nach kurzem Aufbegehren will sich "der Neue" nur noch wegducken, ein Niemand bleiben – aber da ist bereits das Auge des Königs auf ihn gefallen: Der korsische Verbrecherboss César Luciani (Niels Arestrup, ein kalter Patriarch wie schon in Audiards "Der wilde Schlag meines Herzens") fordert die Ermordung eines Mithäftlings. Entweder das, oder Malik ist selbst dran. Der erzwungene Mord ist eine blutige Stümperei – und Audiard setzt das in Szene, als wolle er ein für alle Mal mit dem "Glamourfaktor" eines solchen Verbrechens aufräumen. Was folgt, ist ein leiser, unspektakulärer, zunächst von keinem beachteter Aufstieg.

Malik lernt lesen und schreiben, sammelt als verachteter Laufbursche der Korsen wertvolles Wissen an, wägt die Kräfteverhältnisse im Gefängnis ab. Malik beginnt, selbst Fäden ziehen – und fädelt dann, als gelegentlicher Freigänger, erste kriminelle Geschäfte und auch Intrigen auf eigene Rechnung ein. Dadurch wird er "drinnen" schließlich zum neuen König – und ist längst auch "draußen" eine große Nummer, als sich ihm endgültig die Gefängnistore öffnen.

Audiard bringt das große Kunststück zustande, dass wir voll und ganz mit seinem "Helden" mitgehen, ohne ihn je sympathisch zu finden. Zugleich verwehrt dieser Film jede vereinnahmende Interpretation, will als Gesellschaftsparabel nicht glatt aufgehen und schon gar nicht als sozialrealistische Anklage gegen "Gefängniszustände". Er bleibt, mitsamt seinem kaum ausdeutbaren Titel, eine große, vitale Beunruhigung.
– "Ein Prophet" (Regie: Jacques Audiar läuft ab morgen in Freiburg und Basel.

Autor: Jürgen Frey