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28. Juni 2012

Luks Glück: Türkisch für Fortgeschrittene

TRAGIKOMÖDIE: Ayse Polats "Luks Glück" über Lottogewinner zwischen Hamburg und Istanbul.

  1. Fragwürdiges Glück: René Vaziri, Sumru Yavrucuk, Sinan Bengier, Kida Khodr Ramadan (v. l.) Foto: real fiction

Ein Lottogewinn! Den Jackpot knacken! Traum aller Habenichtse, Verheißung satten Glücks und immerwährender Sorgenfreiheit, sozusagen Sofortrente jetzt. Gut, sechs Richtige mit Zusatzzahl kommen eher selten vor, aber wenn doch, dann ist nichts mehr, wie es war. Wie bei Luk (René Vaziri) und seiner Familie, türkischen Migranten in Hamburg. Die Nachricht ereilt ihn im Auto, und man glaubt zunächst an eine Hiobsbotschaft, so fassungslos starrt Luk in sein Handy. Dann aber tanzt er im Rapsfeld, badet begeistert im leuchtenden Gelb wie Dagobert Duck in seinen Talerchen. Daheim ist die Familie bereits vollzählig versammelt. Küsse, Umarmungen, Abklatschen, eitel Freude. Ach, wie ist das Leben schön, herrlich, wunderbar – kurz gesagt und auf Türkisch: çok güzel [tschock güsell].

Aber schon bald ist es nicht mehr ganz so güzel: Soll das Geld auf ein Konto, fragt der Mann von der Lottogesellschaft, oder will jeder aus der Tippgemeinschaft seinen Anteil einzeln haben? Natürlich alles auf mein Konto, bestimmt der Vater (Sinan Bengier), lieber nicht, sagt die Mutter (Sumru Yavrucuk), man weiß ja nie. Die Eltern wollen in der Türkei ein Hotel kaufen, die beiden erwachsenen Söhne sollen mitmachen und ihren Teil einbringen. Was vor allem Luk wenig begeistert, den jüngeren, der in seinem bisherigen Leben noch nicht viel bewegt hat, abgesehen vielleicht von der Hand im Slip. Aber was könnte er sich denn kaufen von seinem Gewinn? Die schöne Gül (Aylin Tezel) mit einem Strauß roter Rosen? Ach was, wird er etwa attraktiver durch sein Geld? Doch als er Gül bei einer türkischen Hochzeit traditionelle Schmachtfetzen singen hört, hat er einen Plan: mit ihr eine Platte machen samt Videoclip, Karriere im Musikbusiness und Gül glücklich.

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So brechen sie auf in die Türkei, die hoffnungsvollen Lottogewinner. Das Hotel ist çok, çok, çok güzel, aber der Eigentümer, ein bankrotter Zocker, will das Geld sofort und in bar. Ihr macht einen Riesenfehler, warnt Luk und merkt nicht, dass er gerade selber einen begeht, indem er seinem Cousin Cem (Kida Khodr Ramadan) blind vertraut, der aus tunlichst verschwiegenen Gründen vor Jahren Deutschland verlassen musste. Und bald ist das Geld weg, das Glück mit Gül, aber auch das Hotel und der Papa, der dank seines neuen Reichtums mit Cems hübscher Schwester, die eigentlich Luk zugedacht war, einen zweiten Frühling üben darf.

Ayse Polat (Buch, Regie, Koproduktion) schickt Luk, ihren hasenschartigen Helden, zwischen schäumender Euphorie im Raps und Schlaftabletten mit Schnaps in ein Wechselbad der Gefühle. Und den Zuschauer gleich mit: Wird das etwa böse enden? Wird es nicht: "Luks Glück" ist eine charmante Tragikomödie, nicht immer austariert, dafür voller Überraschungen. Und mit einem sehr hübschen Finale in verhaltener Happyness, das den Lucky Loser doch noch an die Liebe glauben lässt – und an sich selbst, Youtube sei Dank.

Die Film- und Theaterregisseurin Polat, geboren 1970 im kurdischen Teil der Türkei, kam mit sieben Jahren nach Deutschland und studierte hier Philosophie, Kulturwissenschaften und Germanistik. Ihren bisher größten Erfolg hatte sie mit dem deutsch-kurdischen Sozialporträt "En Garde" von 2004 , das etliche Preise gewann, unter anderem in Locarno. Jetzt zeigt sie, dass sie sich auch aufs leichte Fach versteht. Mit Gespür für die Komik der Schieflage, die Lächerlichkeit des Erhabenen und die Absurdität des Scheiterns. Mit einem Blick für die Schönheit der Landschaft zwischen Hamburg und Pamukkale (Kamera: Patrick Orth). Mit einem Ohr für die Welten zwischen Folklore und Elektropop.

"Luks Glück" ist gewissermaßen ein zweisprachiger Film, Deutsch und Türkisch mit deutschen Untertiteln – das macht den Dialogwitz spritziger und die Klischees ein bisschen weniger eindimensional als in vergleichbaren Komödien. Türkisch für Fortgeschrittene also. Çok güzel.
– "Luks Glück" (Regie: Ayse Polat) läuft in Freiburg im Friedrichsbau.

Autor: Gabriele Schoder