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28. Januar 2012

Märchenhafte Geschäfte im Raubtierstil

Der Dokumentarfilm "Bottled Life" beleuchtet die globalen Wassergeschäfte des Schweizer Nestlé-Konzerns.

  1. Wasserverkauf in Nigeria: Szene aus „Bottled Life“ Foto: Doklab

Im Märchen spinnt die Müllerstochter aus Stroh Gold. Eine moderne Version dieser von den Gebrüdern Grimm im "Rumpelstilzchen" festgehaltenen Fantasie setzt Nestlé dieser Tage in die Tat um. Der einst von einem deutschen Auswanderer gegründete Schweizer Nahrungsmittelmulti hat einen Weg gefunden, aus Grundwasser satte Gewinne zu destillieren und seine Wassersparte auf dem Weltmarkt für Flaschenwasser so in die Pole-Position gebracht – mit Zynismus, mit Hilfe von Anwälten, Lobbyisten sowie auf Kosten von Umwelt und Bevölkerung in den betroffenen Schwellen- und Entwicklungsländern. Die These vertreten Urs Schnell und Res Gehriger in "Bottled Life", und damit sorgt der Dokumentarfilm in der Schweiz seit der Uraufführung an den Filmtagen Solothurn für reichlich Diskussion – bis zu dem in einem Blogg verhandelten Aspekt des Nestlé-Bashing’.

Wasser und der Zugriff auf sauberes Wasser gelten als strategische Schlüssel der Zukunft. Experten sehen darin gar einen Grund künftiger Kriege. Auch der Nestlé-Konzern und vor allem sein Chefstratege Peter Brabeck haben den Wert des Wassers erkannt und dies als Basis definiert, die dem Konzern eine Perspektive für die "nächsten 140 Jahre" erschließt, wie Brabeck im Film zitiert wird. In Folge baut Nestlé das Wassergeschäft systematisch aus. In Europa und den USA, wo in der Regel eine funktionierende öffentliche Wasserversorgung existiert, handelt es sich dabei indes um Quell- und Mineralwasser, das Verbraucher ergänzend nutzen können – oder nicht; in Entwicklungs- und Schwellenländern, die quasi keine öffentliche Wasserversorgung kennen, ist die Ausgangslage anders: Dort ist abgefülltes Flaschenwasser oft die einzige Quelle, überhaupt sauberes Wasser zu erhalten. Das nutzt Nestlé aus Sicht der Filmemacher clever und skrupellos aus.

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"Pure Life" nennt sich dieses in Gold verwandelte Stroh, ein 1998 von Nestlé erstmals in Pakistan lanciertes Flaschenwasser, im Grunde nichts anderes als gereinigtes und mit Mineralien angereichertes Grundwasser. Inzwischen wird das Produkt auf fünf Kontinenten vertrieben und ist ein "Juwel in unserem Portfolio", sagt der Chef der Nestlé-Wassersparte John Harris im Film. Im Bemühen, dieses Juwel zu hinterfragen, sucht "Bottled Life" verschiedene Stationen und Gesprächspartner auf, in Pakistan, in Nigeria, den USA, in UN-Kreisen. Einzig Nestlé verweigert konsequent jede Auskunft und auch den Zutritt zu seinen Wasserfabriken. Das sei der "falsche Film zur falschen Zeit", zitiert der Film die Begründung des Kommunikationschefs.

Damit kann "Bottled Water" die Grundregel seriösen Journalismus, möglichst alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, zwar nur auf Umwegen und bei unverfänglichen Anlässen einlösen. Das verbleibende Spektrum aber spricht für sich: "Unserer Meinung nach nimmt Nestlé uns unser Wasser weg. Nestlé installierte einen eigenen Tiefbrunnen. Jetzt ist unser Wasser sehr dreckig", schildert da zum Beispiel ein früherer Gemeinderat aus Bahti Dilwan/Sheikupura in Pakistan. In der nigerianischen Metropole Lagos kostet ein Liter "Pure Life" mehr als ein Liter Benzin und Slumbewohner brauchen bereits die Hälfte ihres Einkommens, um sauberes Wasser zu kaufen. Im US-Bundesstaat Maine, wo jeder auf seinem Grundstück so viel Grundwasser pumpen darf, wie technisch machbar, bekämpfte Nestlé den Widerstand lokaler Initiativen gegen dieses radikale Ausbeuten mit Scharen von Anwälten – und war doch nicht in jedem Punkt erfolgreich.

"Nestlé ist ein Raubtier auf der Suche nach dem letzten sauberen Wasser dieser Erde", stellt Maude Barlow, 2008/09 Chefberaterin der UN für Wasserfragen, denn auch fest. Angesichts der Tatsache, dass täglich mehr Kinder an verschmutztem Wasser sterben als an Aids, Malaria, Unfällen und Kriegen zusammen, gleiche das Vorgehen des Konzerns einem "kriminellen Akt", resümiert Barlow. Auch jenseits solcher moralischen Urteile zeichnet "Bottled Life" ein aufrüttelndes Bild der Methoden im globalisierten Kapitalismus – zumal Nestlé in Mitteleuropa höchsten Wert legt auf das Image als sozial verantwortlich handelndes Unternehmen und dafür einiges tut. Nicht zuletzt unterstreicht der Film aber auch den Wert einer funktionierenden öffentlichen Wasserversorgung, ein Pfund, das harte Privatisierungsfans allerorten gerne den entfesselten Märkten zum Fraß vorwerfen würden. Noch ist "Bottled Life" zwar nur in Schweizer Kinos zu sehen, den Vertrieb in Deutschland aber hat die Produktionsfirma Doklab im Auge. Da sowohl Arte und der WDR Koproduzenten sind, wird das in Solothurn begeistert aufgenommene Produkt investigativen Filmschaffens zudem irgendwann allemal im deutschen TV gesendet.
– läuft in Basel im Kult.Kino Atelier, 12.15 Uhr; Sissach Palace,18 Uhr (Sa. bis Mo.) und in Zürich im Arthouse 18 Uhr.

Autor: Michael Baas