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13. Juli 2012

Mehr als das schäbig kleine sichere Glück

NEU IM KINO: "Das Haus auf Korsika" eröffnet heute im Mensagarten das 9. Freiburger Filmfest.

  1. Christelle Cornil Foto: meuser

Eigentlich hat Christine (Christelle Comil) ein gutes Leben. Sicher, der Vater ist arbeitslos, und sie selbst hat nach dem Kunststudium nur einen Job als Kellnerin in der Pizzeria ihres Schwiegervaters in spe gefunden; doch das ist normal in der italienischen Kolonie der belgischen Bergarbeiterstadt Charleroi. Aber das ist es ja vielleicht gerade: dass sie sich eingerichtet hat in den schmalen Perspektiven und der Tristesse des Immergleichen. Und mit ihren 30 Jahren vom Leben nicht mehr viel erwartet als zum Arbeitsamt zu gehen und zur kranken Oma, in der Pizzeria zu schaffen und ein bisschen auf oder unter Marco, ihrem Dauerfreund.

Dann aber stirbt die Großmutter und hinterlässt Christina ein Haus auf Korsika, von dem niemand etwas gewusst hat. Sie will nicht sofort verkaufen, wie alle ihr raten, sondern erst mal hinfahren, mit Marco, und als der keinen Urlaub haben kann oder will, eben allein, bei Nacht und Nebel. Das Anwesen entpuppt sich als Bruchbude und liegt in einem Zwölf-Häuser-Kaff im Norden, wo bis Mai der Schnee liegt und der Bus außerhalb der Saison nur einmal in der Woche hinfährt, wenn überhaupt. Mausoleó heißt der Ort, ein sprechender Name, und tatsächlich sind die steinernen Grabmäler in der Umgebung viel besser erhalten und prächtiger als die Wohnhäuser der Lebenden.

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Ausgerechnet hier findet Christina das Leben, wie Palma, ihre Großmutter, damals, im Jahr 1943. Sie erfährt von Palmas Freiheit und Autarkie, entdeckt ihre Wurzeln und sich als Seelenverwandte. In der unbeheizten Berghütte schläft sie frierend ein und wacht in wohliger Geborgenheit auf, ein Erlebnis von Behaustsein, das ihr die Wohnung kaum würde bieten können, die der Beinahe-Schwiegervater für sie und Marco gekauft hat.

Nein, es ist kein Naturkitsch, was Pierre Duculot (Buch und Regie) da in seinem ersten Langfilm inszeniert. Der Belgier, geboren 1964 in Lüttich, feiert weder unreflektiert die beträchtliche Schönheit des korsischen Berglands noch die scheinbare Ursprünglichkeit und Authentizität des kargen Landlebens. "Das Haus auf Korsika" ist vielmehr ein Film über den Ausstieg aus dem Vorgezeichneten und den Mut, das schäbig kleine sichere Glück einzutauschen gegen das Unbekannte. Dabei betört Duculot seine Zuschauer durchaus mit wunderbaren Naturbildern (Kamera: Hichame Alaouié), ködert sie mit einer verhaltenen Romanze zwischen Christina und dem rauen Hirten Pascal (François Vincentelli) und melodramatischen Familienereignissen.

Doch gelegentliche Ausflüge ins Sentiment tun dem spröden Charme des Films keinen Abbruch. Er singt auf unspektakuläre und gerade darin eindringliche Weise das Hohelied der selbst gewählten Lebensentscheidung. Zu der man dann freilich auch stehen muss, statt bei der ersten Widrigkeit gleich zurückzurudern in den Hafen des Vertrauten. Christina bleibt, ruhig, beharrlich. Und ihre Darstellerin spielt das ganz formidabel: Die Belgierin Christelle Cornil, die heute nach Freiburg kommt, wenn "Das Haus auf Korsika" im Mensagarten das 9. Filmfest eröffnet, lässt ihre Figur so entschieden eintauchen in die Natur, bis sie anfängt aufzublühen und den Zuschauer ganz vergessen macht, dass sie eigentlich weißgott keine Schönheit ist im Sinne von Hollywood oder anderer Oberflächenästhetik.

Am Ende zeichnet sich zart ein Happyend für Christina ab. Ob das nur auf Korsika möglich ist? Ach, sie könnte vielleicht selbst in der belgischen Eigentumswohnung ihr Glück finden. Wenn sie es ist, die es schmieden darf.
– "Das Haus auf Korsika" (Regie: Pierre Duculot) läuft in Freiburg im Friedrichsbau, heute um 21.30 Uhr in Anwesenheit der Hauptdarstellerin im Mensagarten.

Autor: Gabriele Schoder


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