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08. Februar 2012

Neu im Kino: der dreidimensionale Oscar-Favorit "Hugo Cabret"

Denn „Hugo Cabret“ ist durchaus – nicht in erster Linie, aber auch – ein Kinderfilm.

  1. Der geheimnisvolle alte Mann und das einsame Kind: Ben Kingsley, Asa Butterfield Foto: Paramount

Man könnte ja fast meinen, die Zukunft des Kinos läge in seiner Vergangenheit. Gerade ist bei uns "The Artist" von Michel Hazanavicius angelaufen, ein Stummfilm in Schwarzweiß, jetzt folgt, in Farbe und 3-D, der Altmeister des New Hollywood: "Hugo Cabret" ist die ganz persönliche Liebeserklärung des Martin Scorsese (siehe Ticket-Interview) an das Kino der frühen Jahre und einen seiner Pioniere, den Franzosen Georges Méliès. Wobei man den fürs Filmvergnügen nicht unbedingt kennen muss, auch nicht die Romanvorlage, Brian Selznicks amerikanischen Kinderbuchbestseller von 2007: Das erhöht die Spannung sogar noch.

Denn "Hugo Cabret" ist durchaus – nicht in erster Linie, aber auch – ein Kinderfilm. Die Oliver-Twist-Geschichte eines zwölfjährigen Waisenjungen (Asa Butterfield), der im Paris des Jahres 1931 mutterseelenallein in einem Bahnhof lebt, von seinem versoffenen Onkel dazu abkommandiert, sämtliche Uhren am Laufen zu halten. Hugo haust heimlich im gewaltigen Gemäuer und turnt zwischen Zahnrädern, Pendeln und Stellhebeln der Uhrwerke herum. Wenn er sich nicht gerade unten in der Halle, ihren Ständen und Läden, stibitzt, was er braucht zum Überleben. Immer auf der Hut vor dem Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen), der mit seinem Rottweiler patrouilliert und kleine Herumtreiber wie ihn lieber heute als morgen ins Waisenhaus steckt.

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Schon in den ersten Szenen führt Martin Scorsese mit seinem Kameramann Robert Richardson eindrucksvoll vor Augen, wie er dreidimensionales Kino versteht – und seine Verbeugung vor den Großen der Filmgeschichte. Wenn Hugo hinter der Vier in der größten Bahnhofsuhr hervorlinst, ein großes, einsames Augenpaar, weit entfernt von jener munteren Geschäftigkeit dort unten, in der jeder seinen Platz zu haben scheint, dann macht die Tiefendimension seine ganze Verlorenheit spürbar. Und wenn lange Kamerafahrten ihn begleiten ins düstere Labyrinth der schmalen Gänge, dampfenden Lüftungsschächte, knirschenden Scharniere und rostigen Wendeltreppen, wirkt dieses kleine Kerlchen im geringelten Wollpullover wie ein vergessenes Kind aus Fritz Langs "Metropolis". Selbst der Automatenmensch ist da: eine kaputte metallene Gliederpuppe, einzige Hinterlassenschaft von Hugos liebevollem Vater (Jude Law), einem Uhrmacher, der bei einem Brand ums Leben kam. Er wollte sie wieder zum Funktionieren bringen, anhand eines alten Skizzenbüchleins; jetzt macht sich der Junge alleine dran. Im Spielzeugladen des griesgrämigen alten Georges (Ben Kingsley) stiehlt er dafür Stahlspiralen und Federn – bis der ihn eines Tages erwischt und das Notizbuch abnimmt. Aber Hugo braucht es unbedingt: seine einzige Chance, den Gefährten in seiner Einsamkeit zum Leben zu erwecken und eine Verbindung zum Vater.

Eine Liebeserklärung

mit starken Schauspielern

und großem Schauwert

Georges behauptet, er habe das Heft verbrannt, doch seine Stieftochter Isabelle (Chloë Grace Moretz) weiß es besser. Und: Sie trägt um den Hals einen Schlüssel, der ins herzförmige Schloss des Automaten passt! Gemeinsam machen sich die Kinder auf eine Reise, bei der sie die ewige Magie des Kinos entdecken werden – und das Geheimnis des Georges Méliès.

Der Pariser Regisseur und Illusionist Méliès drehte zwischen 1896 und 1912 mehr als 500 Filme, von denen knapp die Hälfte erhalten ist. Sein bekanntester, "Die Reise zum Mond" nach dem Roman von Jules Verne (siehe auch Seite 13), der erste Science-Fiction-Film der Geschichte, hat zentrale Bedeutung bei Scorsese: Das Bild von der Rakete, die dem Mann im Mond im Auge landet, bringt Hugo und Isabelle auf die Spur des Rätsels.

In vielen Film-im-Film-Sequenzen erweist Scorsese, leidenschaftlich und uneitel zugleich, der frühen Filmkunst seine Reverenz. Zeigt etwa die Stopp-Motion-Technik, als deren Erfinder Méliès gilt: Der filmte tanzende "Skelette", hielt die Kamera an, bis die Schauspieler aus dem Bild waren – und im fertigen Film sah es so aus, als lösten sich die Skelette in Luft auf. Das versteht jedes Kind. Ebenso die Szene von der ersten öffentlichen Filmvorführung überhaupt, 1895 in Paris, als Zuschauer entsetzt aufsprangen, weil bei der "Ankunft eines Zuges in La Ciotat" der Brüder Lumière die Lok geradewegs auf sie zuzurasen schien. Oder das Filmzitat aus "Ausgerechnet Wolkenkratzer": Wie Harold Lloyd, den Hugo im Kino sieht, hängt bald auch der Junge selbst – auf seiner Flucht vor Bahnhofvorstand samt Rottweiler – an einer riesigen Uhr.

Staubkörner im Licht, Schneegestöber in Paris, dramatisch-komische Verfolgungsjagden und natürlich die spektakuläre Zugentgleisung im Gare Montparnasse von 1895, bei der sich die Lok durch die gläserne Front des Bahnhofsgebäudes bohrte: Scorseses erster 3-D Film bietet beträchtliche Schauwerte, die auch effektverwöhnte junge Zuschauer nicht anöden dürften. Die starken Leistungen der Schauspieler, vom jungen Asa Butterfield und einem erstaunlichen Ben Kingsley bis in die Nebenrollen (Christopher Lee, Michael Stuhlbarg), tun ein Übriges – das für den analytischen Filmemacher ungewöhnlich emotionale Happyend sowieso.

Dennoch: "Hugo Cabret" ist vor allem ein Film für Cineasten. Die sich von einem der großen Regisseure unserer Zeit auf eine bis in Drehorte, Musik und Kostüme kongeniale Weise in die Anfänge der Filmgeschichte entführen lassen wollen. Die ihr Vergnügen am Entdecken und Wiederentdecken haben. Und an der Seelenverwandtschaft zwischen dem magischen Realismus und der expressionistisch überzeichneten Dramatik des jungen Kinos und der artifiziellen Hyperrealität unserer überreizten Gegenwart.

Sensationelle elf Mal ist "Hugo Cabret" für die Oscars nominiert; mal sehen, wie viele es werden am 26. Februar – und ob die "Visual Effects" dabei sind, an denen Pixomondo Stuttgart wesentlich beteiligt war. Unwahrscheinlich aber, dass Martin Scorsese auch den Oscar als bester Regisseur (es wäre sein Zweiter) holen kann. Keine Frage, der 69-jährige Meister aus New York vermag auch diesmal wieder schwer zu beeindrucken. Michel Hazanavicius aber, um noch einmal an "The Artist" zu erinnern, gelang doch noch mehr: zu beglücken.
– "Hugo Cabret" (Regie: Martin Scorsese) kommt morgen in die Kinos.

Autor: Gabriele Schoder