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04. März 2010
Panzer in Prag und Rock im Westradio
TRAGIKOMÖDIE: "Boxhagener Platz" ist eine exzellent besetzte Burleske aus dem Ostberliner Kiez.
Er spielt gar nicht mit, jener Quartiersplatz im Ostberliner Arbeiterviertel Friedrichshain, der dem Film den Namen gegeben hat. Der Boxhagener Platz seiner Kindheit, wie ihn Torsten Schulz 2004 im Roman erinnerte, ist heute komplettsaniert und musste zwischen Berlin, Halle, Dessau und dem Studio Babelsberg nachempfunden werden. Das Kulissenhafte scheint öfter mal auf, schon etwa wenn die Kamera die zentrale Eckkneipe "Feuermelder" immer aus der gleichen Perspektive anfährt. Aber dennoch wurde "Boxhagener Platz" (Schulz schrieb auch das Drehbuch) ein stimmiger und sympathischer "Berliner Heimatfilm", wie er sich nennt, eine warmherzige Milieustudie, in der man das Lebensgefühl förmlich riechen kann, die Linsensuppe sowieso.
Es ist auch eine Liebeserklärung des Regisseurs an den eigenen Kiez: Matti Geschonneck, Jahrgang 1952, ist hier aufgewachsen. Nach vielen preisgekrönten Fernsehfilmen zeigt er, dass er auch Kino kann. Mit klasse Darstellern: Gudrun Ritter verkörpert hinreißend das proletarische Herz des Films, Oma Otti, die schon fünf Ehemänner überlebt hat. Rudi, Gatte Nummer sechs, schwächelt schwer, aber schon stehen zwei neue Verehrer bereit: Altnazi Winkler, der sie mit Prachtexemplaren aus seinem Fischladen ködern will, und der ehemalige Spartakuskämpfer Karl (Michael Gwisdek), der immer mal wieder in den Westen reist und die fünffache Friedhofsgängerin um Grabpflege bittet: "Können Sie meine Frau mitgießen?" Klar, in wen Otti sich verliebt.
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Aber dann wird Fisch-Winkler erschlagen. Hat Rudi etwa...? Ottis Schwiegersohn ist Polizist, genauer gesagt ABV, Abschnittsbevollmächtigter – Jürgen Vogel verkörpert ihn mit ungewohnter Haarpracht, aber gewohnt souveräner Hilflosigkeit als armes Würstchen, das Haltung bewahren will angesichts der beunruhigenden Ereignisse dieses Jahres 1968: In Prag stehen die russischen Panzer und daheim tanzt die Ehefrau Rock’n’Roll vorm Westradio. Meret Becker gibt dem 68er-Ost-Gefühl ein Gesicht, sehnsüchtig und pragmatisch zugleich, blond und mädchenhaft schön unterm DDR-Make-Up.
Und dazwischen steht der zwölfjährige Sohn der beiden: Holger (ein Glücksfall: Samuel Schneider) ist das stille Zentrum des Geschehens. Verunsichert von der Ehekrise der Eltern, getröstet vom deftigen Mittagessen bei Oma Otti. Verärgert vom politischen Geschehen im Osten, fasziniert von der schillernden Kunde, die aus dem Westen kommt – Kommune und Gruppensex. Karl, der aufrichtige und enttäuschte Sozialist, wird ihm ein väterlicher Freund, was das Leben freilich nicht einfacher macht für den Jungen.
Wie überhaupt – bei aller komischen Direktheit dieses Films, bei allem proletarischen Schnäpsken- und Kohlrouladen-Charme ("Aber mach den Faden ab, sonst kriegst du Darmverschlingung!") – "Komödie" nicht das richtige Etikett ist für "Boxhagener Platz". Diese übrigens erfreulich ostalgiefreie tragikomische Arbeiterklassenliebeskrimiburleske ist vielleicht wirklich am ehesten ein Heimatfilm zu nennen. Wobei Heimat weder die Friedrichshainer Topographie meint noch ein stabiles Glück daheim, sondern eine Mitte relativer Geborgenheit. Für Holger liegt die bei Oma Otti, und das bedeutet: ziemlich genau zwischen Friedhof und Fleischklops.
– "Boxhagener Platz" (Regie: Matti Geschonneck läuft in Freiburg in der Harmonie.
Autor: Gabriele Schoder
