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09. Februar 2012
Puristen der Humanität
DRAMA: "Der Junge mit dem Fahrrad", der neue Film der Dardennes, ist lichter denn je.
Eigentlich müsste es die einfachste Sache der Welt sein, den Titel für einen Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne zu finden. Schlichtere als "Der Sohn" oder "Das Kind" kann man sich ja kaum vorstellen. Tatsächlich jedoch dauert die Suche der Brüder meist sehr lange. Sie ist die Konsequenz eines Zögerns. Immerhin gibt ein Titel bereits eine Perspektive vor. "Der Junge auf dem Fahrrad" benennt gleich zwei Grundimpulse im Kino der beiden Belgier: die Parteinahme für Figuren, die heranwachsen, und für das Primat der Bewegung, das in ihren Filmen herrscht. Das Körperspiel ihrer Akteure filmen die Dardennes mit der gleichen zärtlichen Aufmerksamkeit, die andere Regisseure Gesichtern angedeihen lassen. Das Fahrrad des kleinen Cyril (Thomas Doret) beschleunigt seine Unrast. Er ist stolz auf seine Beherrschung des Vehikels. Zugleich ist es die letzte Verbindung zu seinem Vater (Jérémie Renier), der ohne ein Wort aus seinem Leben verschwunden ist. Mit störrischer, wilder Sehnsucht forscht Cyril nun nach dessen Verbleib.
Seine Suche ist ein erbitterter Kampf gegen die Entmutigung, voll trotziger Hoffnung, wieder Vertrauen in die Erwachsenen setzen zu können. Die Friseurin Samantha (Cécile de France), in deren Arme er vor den Erziehern und der Polizei flieht, könnte diese Hoffnung erfüllen. Sie lässt es geschehen, übernimmt das Mandat, seine Pflegemutter zu werden. De France darf der Figur ohne psychologische Herleitung Kontur geben. Um Cyrils Willen gibt sie sogar ihre Beziehung auf. Dagegen steht die Grausamkeit des Vaters, der sich aus seiner Verantwortung stehlen will. Es ist herzzerreißend anzusehen, wie Cyril bei ihrer Wiederbegegnung um eine Geste der Zuwendung buhlt. Mit größter Einfühlsamkeit unterscheidet der Blick der Dardennes, wen von beiden dieses Betteln erniedrigt und wem von ihnen es Würde verleiht.
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Die Verweigerung des Vaters ist einer jener Akte, bei denen im Verlauf eines Dardenne- Films regelmäßig eine Figur einen Teil ihrer Menschlichkeit aufs Spiel setzt. Nachdem Jérémie Renier in "Das Kind" seinen Sohn verkaufen wollte, weist er ihn in diesem Film ab. Die Härte seines Handelns ist in beiden Filmen gleichermaßen unerhört. Es kündigt einen naturgegebenen Pakt auf.
Fremd erscheint dieses Verhalten in den Dardenne-Filmen stets auch deshalb, weil der Blick der Regisseure sich des moralischen Urteils enthält. Man spürt, dass es sie in ihrem Empfinden zutiefst verletzt. Die Verlorenheit ihrer Figuren bekümmert sie. Sie haben sich einen Bodensatz der Hoffnung bewahrt, dass die Figuren gegen ihre eigentliche Natur handeln. Ihr Verständnis ist eines, das über die Psychologie hinausweist und die Notwendigkeit von Gnade anerkennt. Ihr neuer Film ist lichter, heller als die vorherigen. Zum ersten Mal haben sie im Sommer gedreht. Eine fast heitere Gelassenheit hält Einzug in ihr Kino. Das Glück ist für ihre Figuren stets der Ausnahmezustand. Es macht sie befangen. Bei dem Ausflug, den Samantha und Cyril mit dem Rad an die Ufer der Meuse unternehmen, löst sich eine Spannung. Das Leben muss nicht nur ein unausgesetzter Kampf sein. Die belgischen Puristen der Humanität haben ihn sogar für den Wohlklang der Musik geöffnet. Der langsame zweite Satz von Beethovens letztem Klavierkonzert besiegelt und besänftigt die Konflikte.
Zu einem Märchen wird "Der Junge mit dem Fahrrad" deshalb nicht. Die Bedrängnis der sozialen Verhältnisse ist nicht mit einem Mal außer Kraft gesetzt. Der Junge wird einen Raub begehen. Die Beute interessiert ihn nur als Liebespfand, mit dem er die Aufmerksamkeit des Vaters zurückgewinnen will. Die moralischen und juristischen Komplikationen, die der letzte Akt des Films bereithält, sind ebenso glaubhaft wie ihre Lösung. Sie konstruieren keine pflichtschuldige Ambivalenz, sondern sind eine Bewährungsprobe.
– "Der Junge mit dem Fahrrad" (Regie: Luc und Jean-Pierre Dardenne) läuft in Freiburg im Friedrichsbau.
Autor: Gerhard Midding
