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11. März 2010

Täter und Opfer zugleich

DRAMA: Feo Aldag erzählt in "Die Fremde" den Skandal des "Ehrenmords" als Familiengeschichte.

"So eine Rolle bekommt man nur alle zehn Jahre angeboten", sagte Sibel Kekilli bei der Berlinale, "ich wollte sie unbedingt spielen." Es ist die Rolle der Umay, Hauptfigur in Feo Aldags Debütfilm "Die Fremde". Fremd im eigenen Leben ist Umay zuerst in Istanbul, wo sie mit ihrem Mann Kemal und ihrem kleinen Sohn Cem lebt. Fremd ist sie aber bald auch in Berlin, in ihrer eigenen Familie, in die sie vor den gewalttätigen Übergriffen Kemals geflohen ist. Denn als die Familie erfährt, dass Umay nicht etwa zu Besuch gekommen ist, sondern ihren Mann verlassen hat, bedrängt man sie, zurückzukehren – und sei es nur um des Sohnes willen, der ein Recht auf seinen Vater habe.

Von diesem Moment an sind alle außer dem verstörten Cem Täter und Opfer zugleich. Opfer eines rigiden Wertesystems, das den Frauen unbedingte Unterwerfung und den Männern unbedingte Wahrung der (Familien-)Ehre vorschreibt. Wie dieses Dilemma die einzelnen Figuren bedroht, hat Feo Aldag als Drehbuchautorin in packende Szenen gefasst, die sie als Regisseurin mit wachem Mitgefühl für jeden ihrer Charaktere inszeniert. Und die (Laien-) Darsteller verkörpern die Zerrissenheit zwischen eigenen Gefühlen und ehernen Geboten mit großer Intensität. Man sieht, wie der jüngere Bruder versucht, sich den Zwängen zu widersetzen und seine Schwester heimlich zu schützen. Dass ausgerechnet er, wenn es zum Ehrenmord kommt, traditionell der sein wird, der ihn auszuführen hat, macht die grausame Konsequenz deutlich, mit der hier alle instrumentalisiert werden.

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Die Porträts der Figuren, die Judith Kaufmanns Kamera in berührenden Bildern einfängt, ist die eine Stärke dieses Films. Die andere ist Sibel Kekilli. Unwillkürlich sieht man Umay neben Sibel in Fatih Akins "Gegen die Wand", der Kekilli 2004 mit einem Schlag berühmt machte. Aber Umay ist keine Rebellin wie Sibel. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihrer Familie zu leben, zu lieben und geliebt zu werden. Unglaublich, mit welcher Kraft Kekilli ihre Figur kämpfen und leiden lässt. Das rückhaltlose Engagement der elfengleichen Schauspielerin bewirkt, dass einen Umay selbst dann rührt, wenn sie – blind für die Not der anderen – irrational und egoistisch agiert.

Nicht zufällig erinnert "die Fremde" an das Schicksal Hatun Sürücüs, die im Februar 2005 in Berlin erschossen wurde, weil die Familie ihren westlichen Lebensstil als Bedrohung empfand. Feo Aldag aber erzählt keine Fall-, sondern eine erfundene Geschichte. Die allerdings als politisches Manifest antritt: Ihre Figuren gewinnen, bei aller Differenziertheit, ausschließlich in Bezug auf den zentralen Konflikt Kontur. Diese Reduktion macht deutlich, dass und warum nicht allein die Toten Opfer der sogenannten Ehrenmorde sind – und dass die kein rein türkisches Problem darstellen, sondern ein Problem Deutschlands. Weil die Ablehnung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft die Rückbesinnung auf traditionelle Werte innerhalb der türkischen Minderheit forciert. Das und die todtraurige Schlussszene des Films wird man so schnell nicht vergessen.
– "Die Fremde" (Regie: Feo Aldag) läuft in Freiburg im Kandelhof.

Autor: Gabriele Michel