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17. März 2010
Verbrechen und Strafe, Schuld und Sühne
NEU IM KINO: Erik Poppes preisgekröntes norwegisches Seelendrama "Troubled Water" ist nervenaufreibend und berührend.
Wo anfangen zu erzählen von diesem brillanten Seelendrama, das Verbrechen und Strafe, Verdrängung und Rache, Schuldbekenntnis und Vergebung so kunstvoll ineinander verflicht und spiegelt, dass einem schier der Atem stockt? Bei seinen Protagonisten am besten, Jan Thomas (Pål Sverre Valheim Hagen), der als Halbwüchsiger den Tod eines Jungen verschuldet hat, und Agnes (Trine Dyrholm), der Mutter des ertrunkenen Kindes, das nie gefunden wurde, das sie nie begraben konnte. Der Film entwickelt erst seine und dann ihre Perspektive, spart den Tathergang aber aus: War der Tod des kleinen Isaak ein Unfall, ein Mord? Immer wieder kommt das Kind ins Bild, treibend unter Wasser, den Anorak aufgebläht.
Der in Freiburg ansässige Verleih Koolfilm bringt das mehrfach preisgekrönte Drama des Norwegers Erik Poppe jetzt in die deutschen Kinos – unter seinem internationalen Titel "Troubled Water". Der passt nicht nur wegen des Simon and Garfunkel-Hits, der in einer geradezu ungeheuren Orgelinterpretation (eingespielt von Iver Kleive) im Zentrum steht: Das Wasser, gefährlich bewegt und verschleiernd trüb, ist Leitmotiv des Films, als Element und Seelenlandschaft eingefangen von einer großartigen Kamera (John Christian Rosenlund). Das Wasser ist das allgegenwärtige Medium, das die Erinnerung erzwingt, das Zwischenreich, aus dem die Bilder aufsteigen, die Jan verfolgen. Dabei will er doch ganz neu anfangen, jetzt, wo er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen ist, weil er eine Stelle hat, als Organist in einer Osloer Kirche.
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Thomas nennt er sich nun, versteckt den Jan, ein stiller junger Mann und furioser Musiker, der sein Geheimnis hütet und gleichwohl diskutiert, mit Anna (Ellen Dorrit Petersen), der Pastorin. Als rede er nicht von sich, disputiert er über Versündigen und Verzeihen und über den Gott, der das Böse zulässt – die alte Frage der Theodizee. Wenn er aber an der Orgel sitzt und sich hineinspielt in einen qualvollen Rausch, als wolle er sich befreien von sich selbst, dann wird die Seelenpein spürbar, sein Schuldgefühl, sein Leid.
Thomas und Anna beginnen eine vorsichtige Freundschaft, eine Liebesbeziehung gar. Und Jens, der Sohn der alleinerziehenden Pastorin, der dem toten Isaak so frappierend ähnelt, schließt Thomas ins Herz. Kann der an ihm etwas wieder gutmachen von seiner Schuld? Noch ehe man argwöhnen kann, ob da nicht manches zu ästhetisch ist an diesem schönen Liebespaar, zu glatt am jungen Familientrio, holt die Vergangenheit Jan Thomas ein: Agnes tritt auf den Plan.
Sie war die ganze Zeit da, in Rückblenden und Gegenschnitten, aber jetzt enthüllen sich Zusammenhänge. Jetzt rasen ihre und Thomas’ Geschichte aufeinander zu, und es steht zu befürchten, dass der kleine Jens dazwischen zermalmt wird. Als würde es nicht genügen, dass ein Isaak geopfert wurde. Noch einmal stellt sich die Frage nach der Schuld: Was hat Thomas getan, das er so verzweifelt verdrängt? Was wird Agnes tun, ist sie besorgte Mutter oder unberechenbare Rächerin? Wird sie vom Opfer zur Täterin?
Was sich da auftut, ist viel mehr als nur melodramatischer Thrill. Der Norweger Pål Sverre Valheim Hagen und die Dänin Trine Dyrholm – er introvertiert, nah bei sich, sie seelenoffenen Blicks – sorgen für ein nicht nur nervenzerfetzendes, sondern vor allem berührendes Finale. Und wenn es einen dann irgendwann entlässt, stellt man staunend fest, was man da gerade gesehen hat: einen zutiefst zuversichtlichen Film.
– "Troubled Water" (Regie: Erik Poppe) läuft ab morgen in Freiburg im Friedrichsbau.
Autor: Gabriele Schoder
