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26. Januar 2012
Was aber bleibt, stiften die Dichter
Der Blick Griechenlands: Zum Tod des großen Filmemachers Theodoros Angelopoulos.
"Das andere Meer" sollte der Film heißen, an dem Griechenlands prominentester Regisseur Theo Angelopoulos (76) am Dienstag noch gearbeitet hat. Als er am Abend in der Hafenstadt Piräus eine vielbefahrene Straße querte, wurde er von einem Motorrad erfasst und stürzte in einen vier Meter tiefen Schacht. Noch in der Nacht starb er an Hirnverletzungen und inneren Blutungen. Griechische Medien berichten von desaströsen Pannen: Erst der dritte Krankenwagen sei am Unfallort eingetroffen, nach 40 Minuten.
Ein Film zur Schuldenkrise hätte "Das andere Meer" werden sollen. Wie weit die Dreharbeiten fortgeschritten sind, ist noch nicht bekannt, sicher ist aber eines: Der Blick auf Angelopoulos’ Heimat wäre ein anderer gewesen als der, den uns die Rating-Agenturen seit Monaten präsentieren. Wenn auch wohl kein optimistischerer. "Der Blick Griechenlands" wurde der Filmkünstler genannt. Ein kritischer Blick, der den Menschen ins Zentrum setzt und die Zurichtungen von politischen Unruhen, Krieg und Gewaltherrschaft. Ein Blick mit den Augen eines Dichters. Beides hat ihm nicht nur Freunde beschert. An seinem aufklärerischen Impetus stießen sich Staat und Kirche, sein epischer Duktus mit langen, außerordentlich ruhigen Einstellungen, seine fast immer schwierigen Charaktere und tragischen Figuren nervten ein zunehmend ungeduldiger werdendes Kinopublikum.
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Angelopoulos, geboren im April 1935 in Athen, wanderte nach einem nicht beendeten Jura-Studium nach Frankreich aus und besuchte in Paris jene Filmhochschule, zu deren Absolventen auch Louis Malle, Claude Sautet und Volker Schlöndorff gehörten. Ihn aber setzte man mit seiner eigenwilligen Ästhetik – revolutionäre 360-Grad-Schwenks, ungeschnittene Einstellungen – bald vor die Tür. 1964 kehrte Angelopoulos nach Griechenland zurück und drehte 1970 seinen ersten Langfilm. Den internationalen Durchbruch brachte das Werk "Die Wanderschauspieler" (1975), das am Schicksal einer Schauspieltruppe die griechische Geschichte von 1939 bis 1952 erzählt und von der italienischen Filmkritiker-Vereinigung als "Bester Film des Jahrzehnts 1965 bis 1975" ausgezeichnet wurde. Es folgten große internationale Preise, so in Venedig 1980 der Goldene Löwe für "Alexander der Große" und 1988 der Silberne für das Epos "Landschaft im Nebel", das mit "Reise nach Kythera" und "Der Bienenzüchter" zur "Trilogie des Schweigens" gehört. In Cannes gab es 1995 für sein Meisterwerk "Blick des Odysseus" mit Harvey Keitel den Großen Preis der Jury, der Angelopoulos aber mehr kränkte als freute, und 1998 für "Ewigkeit und ein Tag" mit Bruno Ganz endlich die ersehnte Goldene Palme.
Zerplatzte Utopien, enttäuschte Exilrückkehrer, Abschiede und Odysseen, Verlust von Hoffnung, Jugend, Leben: Das Kino war diesem großen melancholischen Filmemacher und Meister der Form immer das Medium, das die menschlichen Miseren nicht nur hilflos benennen, sondern auch bearbeiten kann: Denn was bleibt, stiften die Dichter.
Autor: Gabriele Schoder
