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06. Juni 2008

Auf der Suche nach der Welt von morgen

Das Theater Freiburg geht unter Barbara Mundel mit einem ambitionierten Spielplan in die dritte Runde

  1. Wird wieder aufgenommen: „Tango la Queen“ von Joachim Schloemer Foto: Maurice Korbel

  2. Gut gelaunt – mit gutem Grund: Das Leiungsteam des Freiburger Theaters Foto: Maurice Korbel

Es läuft. Bei den Verantwortlichen im Theater Freiburg herrscht Erleichterung, um nicht zu sagen Euphorie. Über die aktuelle Spielzeit, deren Akzeptanz und Auslastung. Selbst die Politik ist voll des Lobes. Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach: "Ich habe noch nie so etwas Abgerundetes gesehen." Das ist das Stichwort für das Team um Barbara Mundel. In ihrer dritten Freiburger Spielzeit will die Intendantin verstärkt den "Rückenwind" nutzen, den sie um ihre Arbeit herum verspürt. Und so soll 2008/2009 eine Saison werden mit reichlich viel "Stoff" – wie es auch die orange Banderole um die einzelnen Spielzeitprogramme verspricht.



Musiktheater

Fabrice Bollon, der neue Freiburger Generalmusikdirektor, startet mit einem Koloss in seine erste Spielzeit: Webers "Freischütz". Des wohl romantischsten aller deutschen Opernstoffe wird sich Regisseur Uli Jäckle ("Michael Kohlhaas"; "Das doppelte Karottchen") annehmen. Die Premiere am 27. September geht mit einer anderen einher: Mauricio Kagels Musiktheater "Der mündliche Verrat", ein Stück, das sich ebenso wie der "Freischütz" mit dem Teufel auseinandersetzt. Begonnene Wege werden weiter beschritten. So natürlich Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", die mit "Siegfried" in ihre dritte Runde geht. Regisseur Frank Hilbrich wird sein Konzept weiterverfolgen, die musikalische Leitung übernimmt der Generalmusikdirektor. Fortgesetzt wird auch der in Kooperation mit dem Theater Aachen geschmiedete "Ring" der vier Mozart-Opern, denen Königsdramen zugrunde liegen, diesmal mit einem Jugendwerk: "Lucio Silla" (Regie: Ludger Engels).

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Nach seiner viel diskutierten "Elektra" wird der katalanische Regiestar Calixto Bieito nach Freiburg zurückkehren. Bieito setzt sich dieses Mal mit einem Werk aus seiner Heimat auseinander: "La vida breve – Das kurze Leben" von Manuel de Falla. Der renommierte katalanische Komponist Carles Santos schreibt dazu eigens ein Interludio – ein Zwischenspiel als Hommage an de Falla. Und ein zweites Mal wird es iberisch auf der Bühne der Großen Hauses: Mit Mitch Leighs Musical "Der Mann von La Mancha" nach Cervantes’ Roman "Don Quixote". Joan Antonio Rechi, der spanische Regie-Shootingstar dieser Spielzeit ("Der Barbier von Sevilla") inszeniert, als Don Quixote und Sancho Pansa werden Neal Schwantes und Roberto Gionfriddo zu erleben sein. Nach einem Jahr Pause steht wieder ein Opus Giuseppe Verdis auf dem Spielplan: "Simon Boccanegra", dirigiert von Fabrice Bollon, inszeniert von Marcus Lobbes ("Kaspar Häuser Meer"). Das Engagement des Theaters auf dem Sektor Kinder & Jugend schlägt sich in zwei Opern für Kinder nieder: "Rotkäppchen" von Georges Aperghis und "Dornröschen" von Andreas Tarkmann.

Mit Mozarts "Entführung aus dem Serail" schließlich hat es eine ganz eigenwillige Bewandtnis. Sie entsteht in Koproduktion mit dem Lucerne Festival, Festspielhaus St. Pölten, dem Freiburger Barockorchester (FBO) und dem Tanztheater pvc. Dessen Chef Joachim Schloemer inszeniert und choreographiert das Singspiel als Musiktheater mit Gesang, Tanz und teilweise neuen musikalischen Klängen, für die Johannes Harneit verantwortlich zeichnet. Am Pult des FBO steht ein Spezialist für historisch informierte Aufführungspraxis: Attilio Cremonesi.

Tanztheater
Womit wir bruchlos beim Tanztheater wären: Schloemer ließ bei der Vorstellung des Spielplans die Zuordnung der "Entführung" zu einem Genre offen. Hier entstehe, so der Choreograph und Regisseur, etwas gänzlich Neues. Das spartenübergreifende Arbeiten ist ihm ohnehin gemäß: Ebenfalls in Kooperation mit dem Lucerne-Festival und der Brüsseler Oper bringt Schloemer Bachs sechs Cello-Sonaten als "Musik- und Tanzprojekt" auf die Hinterbühne. Der Titel "In Schnee" spielt auf das berühmte Schnee-Kapitel in Thomas Manns "Zauberberg" an. Auch "Morton, Morton, Morton", eine weitere Regietat von Schloemer, verknüpft Text, Tanz, Musik – und, wie es im Programmheft heißt: "Stille" zu Ehren des Komponisten Morton Feldman, der dem pvc-Kurator auch als gedankenstarker Musik-Analytiker am Herzen liegt.

Im Tanz wird insgesamt mehr und Vielversprechenderes angekündigt als in der noch laufenden Spielzeit. Der Tänzer in Choreograph Graham Smith ist nicht nur als Solist in "Morton, Morton, Morton" aktiv, sondern will sich in ein Großprojekt mit Jugendlichen auf der Grundlage von William Goldings Roman "Herr der Fliegen" stürzen. Außerdem führt er seine nolens volens eher düsteren Gedanken über die Zukunft des Menschen ("SOS") im Cyberspace von "1001" fort, von wo statt der bezaubernden Scheherazade heute der Terror kommt. Der schon mehrfach mit Theatertreffen-Ehren bedachte Regisseur Sebastian Nübling kümmert sich in einer Koproduktion mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer um "Mütter. Väter. Kinder", Tom Schneider, mit im pvc-Leitungsteam, lockt die wunderbare Schauspielerin Sandra Hüller für einen Abend über Courtney Love ("For Love") nach Freiburg und misst Tschechows "Drei Schwestern" eine tänzerische Form an. Magisch-Skurriles ist von der australischen Splintergroup zu erwarten, die beim letzten Freiburger Tanzfestival mit "Lawn" Furore machte: Das Theater lässt seine "Australian Connection" nun noch einmal spielen.

Schauspiel

Das Schauspiel startet stark: mit einer Dramatisierung von Alfred Döblins Jahrhundertroman "Berlin Alexanderplatz" (Regie: Thomas Krupa) und der Uraufführung von Juli Zehs Science-Fiction-Stück "Corpus Delicti" (Regie: Sandra Strunz). Die dort entwickelte Vision einer kompletten staatlichen Kontrolle des Einzelnen führt direkt auf eine der Kernfragen zu, denen sich das Freiburger Theater mit Beginn der Intendanz von Barbara Mundel verpflichtet fühlt: Welches Menschenbild wollen wir?

Eine weitere Uraufführung steht mit "Bagdad brennt" ins Haus: John und Peter von Düffel haben den Weblog einer jungen Irakerin unter der amerikanischen Besatzung dramatisiert. Und weil aller guten Dinge drei sind, liefert Kathrin Röggla mit "Deutschlandfunk – Die Alarmbereiten" den Stoff für eine weitere Urinszenierung, die Leopold von Verschuer, der erstmals in Freiburg Regie führt, in die Hand nimmt; ausschlaggebend für die Wahl des Spielortes war die Möglichkeit, mit Puppenspielerinnen zu arbeiten. Diese werden auch im neuen Großprojekt von Jarg Pataki zum Einsatz kommen: Der erfolgreiche Bilderfinder ("Peer Gynt", "Der Process", "Madame Butterfly") widmet sich Shakespeares märchenhaftem Spätstück "Der Sturm" – mit der Musik von Jean Sibelius. Ein spannendes Crossover von Musik und Schauspiel verspricht auch die von Christoph Frick eingerichtete "Bettleroper" von John Gay – nicht mit der Originalmusik von Johann Pepusch, sondern mit einer Komposition der Freiburger Rockmusikerin Bernadette La Hengst. Von dort ist es nicht weit zu Brecht: Christoph Frick nimmt sich für das Große Haus "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" vor.

Die Kammerbühne steht ganz im Zeichen der "Festung Europa" – womit das Theater seine politische Recherche auf dem Feld anderer Kultur im Spiegel der eigenen fortsetzt. Noch nicht konkret verortet ist ein ambitioniertes – und von der Bundeskulturstiftung mit 100 000 Euro gefördertes Projekt, das die "Optimierung des menschlichen Gehirns" an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Theater erkunden will. Unter Stichwörtern wie "Brain-Machine-Interfaces" "Gehirndoping" oder "Cyborg-Phantasien" werden sich 50 Jugendliche auf die Suche nach der Welt von morgen machen. Ein großer Kongress soll die Kooperation mit dem Ethikzentrum der Universität abrunden. http://www.theater.freiburg.de

Autor: adi