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25. Juni 2008

Von Bach bis heute

Ins Elsass der Musik wegen: Wladimir Spiwakows "Festival International de Colmar" mit 25 Klassikkonzerten

  1. Festivalstimmung: Konzert in der Colmarer St-Matthieu-Kirche Foto: pro

  2. M. Rostropowitsch Foto: pro

Wie doch die Zeit vergeht! In diesem Sommer erlebt ein prominentes Musikprojekt im Elsass bereits seine 20. Auflage: das "Festival International de Colmar". Die Jubiläumsausgabe ist eine Hommage an den 2007 verstorbenen russischen Meistercellisten Mstislaw Rostropowitsch. Das von Wladimir Spiwakow geleitete Festival bietet vom 2. bis 14. Juli nicht weniger als 25 Klassikkonzerte.


An laue Sommerabende (die Abendkonzerte beginnen gemeinhin erst um 21 Uhr) und bisweilen auch an heiße Sonntagnachmittage mit schöner Musik: Daran und an die St-Matthieu-Kirche, wo das Gros der Konzerte stattfindet, denkt der Klassikfreund beim Stichwort Colmar. Alljährlich prägt in der ersten Juli-Hälfte die Tonkunst die nahe Elsass-Stadt. Und zwar, wie man längst weiß, auf hohem Niveau. Rundum bewährter Niveauwart ist der renommierte Geiger Wladimir Spiwakow, der einst Karl Münchinger im Elsass abgelöst hatte. Erfolgreich nutzt Spiwakow seine internationalen Kontakte und versteht es immer wieder, Interpreten von Rang in die Provinz zu holen.

Obendrein ist es ja gute Tradition, jede Festivalausgabe mit einem großen Namen zu schmücken, genauer: mit einer Persönlichkeit des Musiklebens im 20. Jahrhundert. Jetzt ist das Mstislaw Rostropowitsch, der Starcellist eben dieses Säkulums. Als Musiker war Rostropowitsch vielseitig – und so facettenreich geht es auch in Colmar zu. Ein russischer Widmungsträger und ein russischer Festivalchef: Klar, dass das sich aufs Programm auswirkt. Doch damit nicht genug: Seit fünf Jahren ist die Russische Nationalphilharmonie Residenzorchester in Colmar. Jetzt wird sie, unter der Leitung von Spiwakow und dem aus Rumänien stammenden Ion Marin sieben verschiedene Programme absolvieren. Mit dabei sind natürlich auch wieder die "Moskauer Virtuosen", jenes 1979 von Spiwakow gegründete Kammerorchester. Alle Chormusik-Fans dürfen sich erneut auf die von Victor Popov geleitete Moskauer Chorakademie freuen, die in diesem Jahr mit fünf Konzerten aufwarten wird.

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Die Bandbreite ist beträchtlich. So wird das Festival mit einem Konzert der Moskauer Virtuosen eröffnet, bei dem der musikgeschichtliche Bogen von Barockgroßmeister Bach über den Wiener Klassiker Joseph Haydn bis ins 20. Jahrhundert zu Dmitri Schostakowitsch und Benjamin Britten reicht (2. Juli, 21 Uhr, Kirche St-Matthieu). Die Solisten sind dabei unter anderem Spiwakow (Violine), Gautier Capuçon (Cello) und, bei Britten, der namhafte britische Tenor Ian Bostridge. Einen Tag später (gleicher Ort, gleiche Stunde) sind Spiwakows Moskauer Virtuosen abermals in Aktion: wieder mit einem Cellokonzert Haydns (jetzt mit dem Solisten Giorgi Kharadze). Und was in der deutschen Version des Pressematerials unterm Etikett Schönberg so unfreiwillig komisch "Verkrachte Nacht" genannt wird, dürfte nichts anderes als die "Verklärte Nacht" meinen.

Viel Kammermusik kommt aufs Tapet. Und Hut ab: In Colmar ist die Musikgeschichte (zum Glück!) nicht mit Tschaikowsky oder Richard Strauss zu Ende. Ein schönes Beispiel: In ihrem Cellorezital um die Mittagsstunde interpretiert Tatiana Vassilieva neben Cellosuiten Bachs auch die "Trois Strophes sur le nom de Sacher" von Henri Dutilleux, jenes 1916 in Angers geborenen Nestors unter den lebenden französischen Komponisten (10. Juli, 12.30 Uhr, Koïfhus). Schade und nur schwer nachvollziehbar allerdings: Im Jahr seines 100. Geburtstags erklingt von Olivier Messiaen, dem 1992 verstorbenen großen Franzosen, keine Note in Colmar.

Verständlich bei der Leitfigur Rostropowitsch der hohe Celloanteil. So kommen Saint-Saëns’ Cellokonzert Nr. 1 mit Gary Hoffman (9. Juli, 21 Uhr, St-Matthieu) und, mit Xavier Phillips, zwei Tage später Dvoráks h-Moll-Konzert zur Aufführung. Spiwakow (Violine) und die Cellistin Tatiana Vassilieva werden am 12. Juli (21 Uhr, St-Matthieu) mit der Russischen Nationalphilharmonie das Brahms'sche Doppelkonzert zum Vortrag bringen.

Russisches : Dafür stehen Namen wie Mussorgsky ("Bilder einer Ausstellung"), Rachmaninow oder eben Schostakowitsch. Das Abschlusskonzert (14. Juli, 17 Uhr, St-Matthieu) gilt einem reinen Tschaikowsky-Programm. Zuvor kann man einem meisterlichen Russen begegnen, der Chopin (24 Préludes) zum Besten geben wird: dem 1950 geborenen Pianisten Grigory Sokolov, der in Colmar zum dritten Mal auftritt (5. Juli, 21 Uhr, St-Matthieu).

Keine Frage, das Colmar-Festival bietet was. 25 Konzerte – das ist nur eine Zahl. Was wirklich zählt, sind vielmehr die Inhalte. Die Auswahl kann schwer fallen. Am ehesten hilft da vielleicht nur eins (und ist überdies auch noch am bequemsten): sich für die Festivalzeit in Colmar einzumieten. Sofern man denn vorm offiziellen Ferienstart hierzulande schon die Muße dazu hat.

Autor: Johannes Adam