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07. Juli 2012

Addie Bundrens letzte Fahrt

Zum 50. Todestag von William Faulkner ist sein Roman "Als ich im Sterben lag" neu übersetzt worden.

  1. William Faulkner Foto: afp

So ist das, wenn aus einer kleinen Welt Weltliteratur wird. Die kleine Welt hieß Oxford, Mississippi, und war der Heimatort des abgebrochenen Studenten und Gelegenheitsarbeiters William Faulkner, der sich jahrelang mal hier, mal dort, in New York und in Europa herumgetrieben hatte, bevor er sich dort niederließ, woher er gekommen war – und aus diesem Landstrich, der "kleinen Briefmarke meiner heimatlichen Erde", die er in das fiktive Yoknapatawpha County verwandelte, die Kraft zog, ein Romancier von Weltrang zu werden. Hier entstanden in rascher Folge die Romane, die seine spätere Weltberühmtheit – und den Literaturnobelpreis, den er 1949 erhielt und aus Scheu vor der öffentlichen Aufmerksamkeit erst 1950 entgegennahm – begründeten: "Schall und Wahn", "Als ich im Sterben lag", "Die Freistatt", "Licht im August". Zum 50. Todestag Faulkners, der am 6. Juli 1962 an den Folgen eines Reitunfalls starb, ist "As I lay dying" nach mehr als fünf Jahrzehnten von Maria Carlsson neu ins Deutsche übersetzt worden: Und wenn auch nicht immer die jüngere die bessere Übertragung sein muss, schenkt doch jede Neuübersetzung einem großen Buch neue Aufmerksamkeit.

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So ist das auch mit diesem 1930 erstmals erschienenen Roman, den Faulkner selbst als seinen besten bezeichnet hat – vielleicht auch deshalb, weil er ihm, im Gegensatz zu dem Vorgänger "Schall und Wahn", mit dem er schwer gekämpft hatte, in unfassbaren sieben Wochen von der Hand ging. Es ist die – laut Klappentext – "Legende" einer Farmersfrau, die vor ihrer Heirat mit Anse Bundren Lehrerin in der Kreisstadt Jefferson gewesen ist, wohin sie nach ihrem Tod – dieses Versprechen hat sie ihrem Mann abgenommen – wieder zurückkehren will. Nun tritt der Ernstfall ein. Addie Bundren stirbt: Und ihre Familie, Pa Bundren und die fünf Kinder Cash (der Älteste, ein Zimmermann), Darl (der Zweitgeborene, den die Leute für ein bisschen verrückt halten, bis er es wirklich wird), Jewel (die Frucht von Addies Ehebruch mit dem phariäserhaften Pastor Whitfield), Dewey Dell (die einzige Tochter, die mit einem sehr eigenen Problem zu kämpfen hat: sie ist schwanger mit siebzehn) und Vardaman (der halbwüchsige Nachzügler) machen sich in heißen Julitagen auf den Weg, den letzten Willen der Gestorbenen zu erfüllen.

So schön geordnet serviert William Faulkner die sich zu einem Horrortrip auswachsende Geschichte nicht. Was den ungeheuren Sog des in sechzig Kurz- und Kürzestkapitel unterteilten Romans ausmacht, ist seine am von Joyce und Virginia Woolf in Europa zur literarischen Form der Moderne erhobenen Stream of Consciousness geschulte Erzählweise. Faulkner sammelt die Stimmen der am Geschehen unmittelbar und mittelbar Beteiligten und lässt sie zu einem kakophonen Chor anschwellen: Die vielen Perspektiven, die "Als ich im Sterben lag" vereint, verschmelzen keineswegs zu einem schlüssigen Gesamtbild. Faulkner sprengt die überkommene einheitliche Erzählperspektive radikal auf: Darin beruht die damals schockierende Modernität seines Stils, die gerade auch bei zeitgenössischen deutschen Autoren – die "Welt" hat zum Jubiläum acht von ihnen befragt, darunter Brigitte Kronauer, Arnold Stadler und Karl-Heinz Ott – auf stärkste Resonanz stößt.

So setzt sich die einfache Geschichte vom Sterben und zu Grabe Tragen der Addie Bundren aus Puzzleteilen zusammen, die dem Rätsel, das jede einzelne Existenz für sich selbst und für die anderen darstellt, Tribut zollen. Wer war diese am Ende auf Haut und Knochen herabgemagerte Frau, die postum das ab- und dabei verwesende Zentrum der Familie bleibt: eine Tote, die im gezimmerten Sarg des Sohnes tagelang unterwegs ist, so dass sich die Menschen, die mit dem bizarren Leichenzug in Berührung kommen, mit Ekel abwenden? Faulkner gibt auch ihr eine Stimme: lässt sie auf verschwiegenste Weise preisgeben, dass ihr meistgeliebter Sohn mit dem sprechenden Namen Jewel, der stolze Rebell der Familie, ein Reiter, der sich das Pferd durch nächtliche Feldarbeit verdient hat, nicht das Kind ihres Mannes ist; dass Anse danach für sie tot war, ohne dass er es je bemerkt hätte.

Die Menschen, die durch den Autor, der ihre Mentalität kennt und den Zugang zu ihnen seine "Goldmine" genannt hat, zu Wort kommen, sind selbst wortkarg: Finden keinen Weg zwischen Innen und Außen, dem, was sie fühlen, und den Wörtern, die ihnen fremd bleiben. So drückt es Addie Bundren aus: "Damals lernte ich, dass Wörter keinen Sinn haben, dass Wörter nie passen, einerlei, was sie auszudrücken versuchen. Ich wusste, dass ,Furcht’ von jemandem erfunden war, der nie Furcht gekannt hatte; ,Stolz’ von jemandem, der nie stolz gewesen war. Ich wusste, dass wir durch Wörter miteinander hatten umgehen müssen, Wörter, die vor ihren Mündern wie Spinnen von einem Balken hingen, sich hin und her bewegten, sich drehten und nie die richtigen waren." Dafür sind Faulkners Ich-Figuren mitunter umso schärfere Beobachter: besonders Darl, der für sonderbar Gehaltene, sticht hier hervor. Er ist es, der herausbekommt, warum sein Bruder Jewel über Monate an einer seltsamen Schlafkrankheit leidet; warum dieser scharfsinnige und sensible junge Mann eine Scheune anzündet und sein weiteres Leben in einer geschlossenen Anstalt verbringen muss, bleibt ungeklärt.

Seinen Figuren ist Faulkner mit gleichbleibendem Interesse zugewandt: weder mit Sympathie noch Antipathie lassen sich erkennen. Faulkner ist kein sozialkritischer Autor. Sie sind, wie sie sind: ob das gut oder schlecht ist, diese Frage stellt sich im archaischen Kosmos dieses Lebens- und Totentanzes überhaupt nicht. Der Vater, stur wie die Maultiere, die er für seine Mission opfert, lässt sich durch kein Hindernis davon abhalten, das Vermächtnis seiner Frau zu erfüllen: Dass das Mississippi-Hochwasser alle Brücken im Umkreis der Farm weggerissen hat, kann ihn nicht bremsen. Die aus verschiedenen Blickwinkeln geschilderte Überquerung des Flusses ist der dramatische Höhepunkt des Romans – mit schlimmen Folgen für Cash, der ein Bein bricht und halbtot mitgeschleppt wird: Für einen Arzt ist kein Geld da, stattdessen wird der Knochen mit Beton geschient. Das Bein, wie man sich denken kann, aber die Bundrens offenbar nicht, überlebt diese Methode nur mit knapper Not.

Die Binnenwahrnehmungen im Familiengefüge der mythisch aufgeladenen Figuren- bei Cormac McCarthy findet sich ein später Nachklang – werden ergänzt durch die Außensichten von Nachbarn, Freunden, zufälligen Bekanntschaften und professionellen Helfern wie dem Arzt und dem Priester, der sich als das krasse Gegenteil eines Vertreters göttlicher Gebote erwiesen hat. Das kann man nur hochironisch lesen – wie überhaupt das Verhältnis der tiefgläubigen Südstaatler zu Gott moralischer Instanz wenn nicht kritisch beleuchtet so doch anhand der recht eigensinnigen Position von Addie Bundren zumindest zur Diskussion gestellt wird.

"Als ich im Sterben lag" misst eine kleine und zugleich größte Spanne aus: Ein paar Tage im Juli zieht ein Gespann mit einer seltsamen Last durch Yoknapatawpha County – und man blickt dabei in die Seelen aufgewühlter, verstörter, betäubter, verzweifelter Menschen, von denen jeder auf seine Art mit dem Verlust fertig zu werden versucht. William Faulkner wandert mit seinem vielstimmigen Chor mutig auf dem Grat zwischen makabrer Komik und höchster Pein. So entsteht Weltliteratur. In sieben Wochen. Ein Wunder.

– William Faulkner: Als ich im Sterben lag. Roman. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 247 Seiten, 19.95 Euro.

Autor: Bettina Schulte


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