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01. Februar 2012

Anna Maria Koldau: Sachbuch über den Untergang der Titanic

SACHBUCH: Die Historikerin Anna Maria Koldau beschreibt den Untergang der Titanic – und die nachträgliche Legendenbildung.

  1. Erst gesunken, dann nachgebaut: Ein Modell der Titanic im Schifffahrtsmuseum Rostock wird gereinigt. Foto: dpa

Das gefühlt tausendste Buch zum Untergang der Titanic erscheint eigentlich zum hundertsten Jahrestag der Katastrophe am 15. April. Die aktuellen Ereignisse um die Costa Concordia geben dem Buch eine bedrückende Aktualität. Die in München geborene, im dänischen Aarhus unterrichtende Kulturhistorikerin und Musikwissenschaftlerin Anna Maria Koldau hat der vorliegenden Legendenliteratur keinen weiteren Untergangsthriller hinzugefügt. Sie hat vielmehr in vorbildlicher Weise aus den Quellen die technischen, ökonomischen, nautischen und ereignisbezogenen Komponenten um die Kollision des schwimmenden Luxushotels mit einem Eisberg rekonstruiert und ist der Rezeption der Katastrophe in den Medien nachgegangen.

Zahn um Zahn zieht sie aus dem Rachen der Sensationsgier, die seit hundert Jahren den zum Begriff gewordenen Untergang der Titanic zu einem Topos von menschlichem Versagen, Gewinnstreben, Edelmut und "Being British" ausgeschlachtet hat. Das nüchterne Verfahren der Autorin bekommt dann selbst etwas Sensationelles: Die menschliche Neigung, aus Katastrophen medialen Honig zu saugen, wird entlarvt. Es entsteht ein wirklichkeitsnahes Bild der Ereignisse. Es ist dramatisch und tragisch, vorwurfsvoll und in Einzelfällen auch heroisierend genug: Es bedarf keiner übertreibenden Fiktionalisierung.

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Die Autorin beginnt mit einer Darstellung des Nordatlantikverkehrs in der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er war gekennzeichnet von einem heftigen Konkurrenzkampf großer international tätiger Reedereien um das zahlungskräftige, schon damals überwiegend aus den USA stammende Erste-Klasse-Publikum wie um die Auswanderermassen, die von Europa nach Nordamerika strömten. Die Marketingstrategien der Konkurrenten setzten unterschiedliche Schwerpunkte: Geschwindigkeit, Luxus, Sicherheit, Prestige – das waren entscheidende Kriterien. Betriebswirtschaftlich kam auch schon damals – man befeuerte die Kessel der Dampfer noch mit Kohle – der Treibstoffverbrauch hinzu.

Koldau beschreibt den Entwurf der Olympic-Klasse der White Star Line, der auch die Titanic angehörte, ihre Drei-Klassen-Gliederung der Unterkünfte der Passagiere. Sie setzt sich mit angeblichen Materialfehlern beim Bau des Schiffes auseinander, von denen wohl nur die Kalt-Nietung der Außenhaut wirklich zu beanstanden war. Schon vor dem Ablegen der Titanic in Southampton gab es warnende Vorzeichen: Ein Bergarbeiterstreik hatte zu Kohleknappheit geführt, die Wetterlage im Eisberggebiet um die Neufundland-Bank war besonders ungünstig, die umstrittene Route war mehr auf Geschwindigkeit als auf Sicherheit gewählt worden, schon im Hafen kam es fast zu einer Kollision mit einem anderen Schiff.

So genau, wie nach den kritisch gelesenen Quellen möglich, rekonstruiert die Autorin die Ereignisse vor und unmittelbar nach der Kollision der Titanic mit dem Eisberg. Sie säubert die offiziellen amerikanischen und britischen Untersuchungsberichte von den Fälschungen, welche die Reederei von der Haftung befreiten, entlastet vielmehr die ertrunkenen diensthabenden Offiziere und den Kapitän, die zum erfahrensten Seepersonal ihrer Zeit zählten, und entkleidet die Ereignisse bei der Rettung vieler, die viel zu wenige waren, von den Ausschmückungen der fiktionalisierenden Nachwelt.

Wenn all die späteren Romane, Filme und anderen medialen Bearbeitungen wenigstens teilweise das künstlerische Niveau gehabt hätten, das ein solches zum Topos gewordenes Ereignis verdient, wäre die Rekonstruktion der tragischen Wirklichkeit durch eine so verantwortungsbewusste Autorin wie Linda Maria Koldau gar nicht so verdienstvoll. In ihrem Buch tritt die rekonstruierte Wirklichkeit wirkungsmächtig an die Stelle der auf Umsatz getrimmten Bearbeitungen der letzten hundert Jahre – eine nachdenkliche Warnung, die für die Behandlung ähnlicher Ereignisse nicht zu spät kommt.
– Linda Maria Koldau: Titanic. Das Schiff – Der Untergang – Die Legenden. C.H. Beck, München 2012. 303 Seiten, zahlreiche Fotos, Skizzen und Karten. 19,95 Euro.

Autor: Harald Loch